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Kirche in WDR 3 | 18.06.2026 | 07:50 Uhr
Mama und KI
„Mama, du weißt auch nicht alles, du musst auch immer die KI fragen.“ – sagt ein Mädchen aus der zweiten Klasse zu seiner Mutter. Die Mutter erzählt davon in einer Runde. Ist doch erstaunlich: Bereits in der zweiten Klasse gehört für manche Kinder Künstliche Intelligenz ganz selbstverständlich zum Alltag. Und das ist erst der Anfang. Auch wenn KI für viele schon zum täglichen Werkzeug geworden ist: Ich glaube, dass wir die tiefgreifenden Entwicklungen heute noch gar nicht richtig fassen können, die „künstliche Intelligenz“ mit sich bringt. Ich stimme dabei weder in den Chor derer ein, die vor allem die Gefahren beschwören, noch in den Chor, der die unfassbaren Chancen besingt. Mir ist etwas anderes wichtiger: Bei all dem Staunen – und bei allen Befürchtungen, die neue Technologien mit sich bringen – darf nicht untergehen, dass keine Maschine einen Menschen ersetzen kann, nur weil sie seine Arbeitsleistung ersetzt.
Sicher, das klingt selbstverständlich. Aber ist es das wirklich? Ich erlebe – bei anderen und bei mir selbst –, wie stark Menschen ihren Wert über das definieren, was sie tun und leisten. Nicht nur im Beruf, sondern auch im Freundeskreis und in der Familie. Wie hat sich wohl die Mutter gefühlt, als ihre Tochter sagte, sie wisse nicht alles, sondern müsse „immer die KI fragen“? Ein Kind, das gerade schreiben lernt, erkennt Grenzen und spricht sie aus. Wie mag sich erst ein Mensch fühlen, der über Jahrzehnte mit seinen Händen oder seinem Geist Aufgaben erfüllt hat – und jetzt macht das eine Maschine oder eine App? Da berührt Technik plötzlich etwas sehr Menschliches: Identität, Selbstwert, Zugehörigkeit.
Gerade deshalb ist es für mich unverzichtbar, mir bewusst zu machen: Beim Menschen kommt es nicht zuerst darauf an, was er leistet, sondern dass es ihn gibt. Und dass es gut ist, dass es ihn gibt.
Was hilft, damit Menschen sich nicht überflüssig fühlen in einer Welt voll smarter Systeme? – Beziehungen. Ein Mensch, der sich angenommen weiß und regelmäßig mit anderen spricht, wird sich weniger schnell durch Technik bedroht fühlen. Dazu gehören kleine, aber entscheidende Haltungen: echte Aufmerksamkeit statt bloßer Effizienz; Lob, das nicht an Ergebnisse gebunden ist; Unsicherheiten gemeinsam aushalten, ohne sie sofort mit einer schnellen Antwort zuzukleistern. Und ich denke, es hilft, wenn Menschen Rituale pflegen, die dem Nutzen keinen Vorrang geben: miteinander essen, zuhören, erzählen. Was bestimmt auch hilft, eine neue Kultur des Nicht-Wissens zu üben: „Ich weiß es nicht – lass es uns herausfinden. Und selbst wenn die KI eine Antwort hat: Was bedeutet sie für uns?“
Eine Frage wird im KI-Zeitalter umso wichtiger: Lasse ich Menschen erleben, wie bedeutsam sie sind? Nicht nur für mich, sondern grundsätzlich. Zeige ich Kindern, dass ihr Wert nicht an Noten hängt, Älteren, dass ihre Lebenserfahrung zählt, Kolleginnen und Kollegen, dass ihre Präsenz wichtig ist – selbst dann, wenn eine Maschine einen Teil der Arbeit schneller erledigt? Ich will mir angewöhnen, einfach im Alltag öfter Sätze zu sagen wie: „Schön, dass du da bist.“ – „Danke, dass du dir Zeit nimmst.“ – „Was hat dich heute berührt?“ Solche Worte verändern Räume. Sie erinnern daran, dass Würde nicht verdient werden muss.
KI wird wachsen – in Fähigkeiten, in Reichweite, in Selbstverständlichkeit. Aufgabe aller Menschen ist, mitzuwachsen – in Menschlichkeit. Denn die vielleicht wichtigste Kompetenz der Zukunft ist nicht, alles zu wissen, sondern die Kunst, ein Mensch zu sein.
Manuel Klashörster aus Delbrück
