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Kirche in WDR 5 | 17.08.2026 | 06:55 Uhr
Höflichkeit
Guten Morgen.
Neulich in der Bahn auf dem Weg nach Hause. Ziemlich voll, da bietet eine junge Frau mir ihren Platz an. Okay, ich bin zwar über 60, aber das ist mir noch nie passiert.
Ich bin ganz baff und zögere einen Moment.
Tja,
wie ist das mit der Höflichkeit heute?
Im Internet gibt es vieles zu entdecken, so auch das „Digitale Wörterbuch der
deutschen Sprache“. Da habe ich mir mal eine Statistik machen lassen, wie
häufig das Wort „Höflichkeit“ im deutschen Sprachraum gebraucht wird. Ganz klar
zu sehen: Der Gebrauch des Wortes „Höflichkeit“ hat seit Mitte der 50er um 75%
abgenommen. (1) Es wird immer weniger benutzt. Sprache bildet die Wirklichkeit
ab und die Wirklichkeit prägt unsere Sprache. Ich merke es im Alltag: Die
Höflichkeit lässt nach.
Stehe
ich neulich an der Kasse im Discounter, es ist so kurz nach eins. Ich suche
gerade noch nach meinem Portemonnaie und sage zu der Kassiererin etwas
gedankenverloren „Guten Morgen“! Ich zögere, blicke auf meine Uhr, bemerke
meinen Fehler und korrigiere mich. Sagt die Kassiererin: „Hauptsache, Sie sagen
überhaupt was!“ Ich muss sie ziemlich entgeistert angesehen haben, denn sie
schiebt hinterher: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele hier
durchgehen, ohne überhaupt etwas zu sagen.“ Ein Zeichen, dass es mit der
Höflichkeit bergab geht. Wir erleben es in unserem Alltag an den Plätzen, wo
Menschen zusammenkommen. Und das sind auch die sozialen Medien.
Dabei macht Höflichkeit oder Freundlichkeit das Leben nicht nur einfacher,
sondern auch einfach schöner.
Jesus wusste
das auch. Von ihm gibt es ebenfalls die Goldene Regel: „Behandelt die Menschen
so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.“ (2) Natürlich freue ich
mich, wenn andere höflich zu mir sind. Allerdings setzt Jesus später noch einen
drauf. Da sagt er: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; segnet
die, die euch verfluchen, und betet für alle, die euch schlecht behandeln.“ (3)
Puh, also nicht mehr „Wie du mir, so ich dir,“ sondern: „Ich kann es besser.“ Jesus
fordert seine Leute zu einer radikalen Höflichkeit heraus, gerade den Menschen
gegenüber, die mir nicht mit Höflichkeit begegnen. Da gibt es viel zu tun. Und
es ist spannend, mit dieser Einstellung durch meinen Alltag zu gehen: Wo kann
ich höflich sein?
Als die junge Frau mir den Platz anbietet, muss ich daran denken, wie ich mich
dabei fühle. Also wie ich mich fühle, wenn ich anderen Menschen meinen Platz
anbiete. Ich fühle mich gut dabei, sogar sehr gut. Also, warum soll ich dieser
jungen Frau dieses Gefühl verwehren?
Ich nehme den Platz dankend an. Obwohl ich nur zwei Stationen fahren muss.
Übrigens, ich muss mich ein wenig korrigieren, in den letzten fünf Jahren wurde das Wort Höflichkeit wieder ein klitzekleinwenig mehr gebraucht im deutschen Sprachraum. Das lässt hoffen.
Machen
wir doch heute einen „Höflichkeitstag“! Machen
Sie mit?
Ihr Pastor Heddo Knieper aus Hamm, na dann.
Quellen:
(1) DWDS-Verlaufskurve für
„Höflichkeit“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
https://www.dwds.de/r/plot/?view=1&corpus=zeitungenxl&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=1&grand=1&slice=1&prune=0&window=0&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1946%3A2026&q1=H%C3%B6flichkeit , zuletzt abgerufen am 17.6.2026.
Die grafisch dargestellte Verlaufskurve sehen Sie durch Anklickender Schaltfläche:
Manuskript als PDF herunterladen.(2) Matthäus 7,12a; Gute Nachricht Bibel, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
(3) Lukas 6,27b-28; ebd.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
