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Kirche in WDR 2 | 02.02.2026 | 05:55 Uhr
Engel im Alltag
2026 hat ja schon gut angefangen. Mit Böllern, Bränden und Grönland. Mit Schlagzeilen, die schneller sind als unsere Gedanken, mit Bildern, die sich festsetzen, noch bevor wir richtig verstanden haben, was sie eigentlich bedeuten. Wir entwerfen innere Drehbücher, machen To-do-Listen für das Leben. Und dann passiert das Leben – oft ganz anders.
Ein ganz normaler Wintertag. Bahnhof. Verspätung. Kälte. Der Atem steht sichtbar in der Luft, irgendwo piept ein Automat, irgendwo flucht jemand leise ins Handy. Menschen mit gesenktem Blick, jede und jeder in der eigenen Blase, unterwegs zwischen Terminen, Gedanken, Erwartungen. Man steht nebeneinander und ist doch allein. Neben mir eine ältere Frau mit einem viel zu schweren Koffer, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Ihre Hände zittern ein wenig. Auf der anderen Seite ein junger Mann, Kapuze, Kopfhörer, Abstand zur Welt, dieser typische Blick, der sagt: Bitte nicht ansprechen.
Dann fällt der Koffer um. Kein großes Drama, aber genug, um die Routine zu stören, diesen stillen Autopiloten, auf dem wir oft durch den Alltag fahren. Der junge Mann hebt den Koffer auf, lächelt. Ein echtes Lächeln, nicht dieses höfliche, geübte. Die Frau atmet auf. „Danke. Allein ist manches ganz schön mühsam.“
„Kenn` ich“, antwortet er. Und erzählt, dass er neu in Deutschland ist, dass deshalb vieles für ihn fremd ist, kompliziert, aber auch spannend.
Sie fragt nach. Ehrlich. Nicht neugierig, sondern interessiert.
Sie lachen. Reden über Familie, über Hoffnungen, über Heimat, über das Gefühl, irgendwo anzukommen, auch innerlich. Als der Zug kommt, setzen sie sich nebeneinander. Zwei Menschen, die sich eine halbe Stunde vorher noch nicht gekannt haben und nun teilen sie ihre Geschichten. Beim Aussteigen sagen sie: „Das hat gutgetan.“ Und tauschen Nummern. Einfach so. Kein großes Versprechen, nur die stille Möglichkeit, dass aus einem Zufall vielleicht etwas bleibt.
„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; (denn) durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“ heißt es in der Bibel. Engel müssen keine Flügel haben. Manchmal tragen sie Kapuze oder schieben einen alten Koffer. Manchmal sind wir für andere Engel, ohne es zu merken.
Vielleicht ist das eine gute Perspektive für 2026: offen bleiben für das Unerwartete.
Gott begegnet uns oft genau dort, wo wir nicht mit ihm rechnen. Am Bahnsteig des Alltags.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
