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Kirche in WDR 3 | 30.01.2026 | 07:50 Uhr
Vom Vergessen und Erinnern
Einen guten Freitagmorgen wünsche ich Ihnen. Diese Woche geht zu Ende, der erste Monat des Jahres auch und ich kaue etwas an der Frage: Welche Eindrücke bleiben?
Eigentlich ganz einfach, warum das so ist. Denn: Mir ist es gleich zweimal passiert, dass mich Menschen schlicht vergessen haben. Sie konnten sich nicht mehr erinnern an mich. Gut, die ersten Begegnungen liegen Jahre, ja Jahrzehnte zurück. Aber in beiden Fällen hatten wir über viele Monate zusammengearbeitet. Aber ich habe da wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Natürlich passiert mir das auch. Ich erinnere nicht alle und jeden. Und selbstverständlich ist das auch nicht schlimm, wenn ich in Vergessenheit gerate. Da bin ich wenig eitel. Aber gefragt hab ich mich dann doch: Was ist das Besondere an den Menschen, an die ich mich auch nach Jahrzehnten noch erinnere? Und auch das nur bei einer kurzen Begegnung? Was ist von diesen Menschen ausgegangen?
Ich denke da sofort an eine Situation während meines Theologie-Studiums vor über 30 Jahren in Münster. Ich war zu einer Veranstaltung gegangen, bei der ein französischer Bischof sprechen sollte. Da ich neu in der Stadt war, stand ich in dem gut gefüllten Veranstaltungssaal alleine irgendwo am Rand. Dann ging die Türe auf und Jaques Gaillot kam herein. Der war damals Bischof von Evreux. Seine Ankunft war unbemerkt, ohne großes Tamtam. Was passiert? Er steuert direkt auf mich zu. Warum? Keine Ahnung, aber ich bilde mir ein, er hat gesehen, wie verloren ich in der Menschenmenge stehe. Er reicht mir die Hand und sagt, dass es schön ist, dass ich da bin. Ich weiß bis heute, dass ich so perplex war, dass ich nichts erwidern konnte. Aber dieser Augenblick hat sich tief in meine Seele eingebrannt. Bis heute steht eins seiner Bücher in der vordersten Reihe in meinem Büro – es heißt: „Eine Kirche die nicht dient, dient zu nichts“. Wenige Monate nach der Veranstaltung in Münster hatte Papst Johannes Paul II. den streitbaren Bischof abgesetzt. Gaillot hatte sich bedingungslos und stark für Frieden eingesetzt, für die Gleichheit aller Liebenden und für benachteiligte Menschen. Vielen in Rom galt er als zu wenig katholisch. Mich hatte er bewegt.
Was war das, was mich noch heute daran denken – oder besser fühlen – lässt? Ich vermute, es ist das Gefühl, gesehen, wahrgenommen zu sein. Im Hier und Jetzt. Im Augenblick. Und ich denke an Jesus. Die Evangelien berichten von vielen dieser intensiven, heilsamen Augenblicke. Kurz, aber nicht flüchtig und deshalb so intensiv und bleibend.
Vielleicht liegt darin das Geheimnis in den Begegnungen, die einen besonderen Eindruck hinterlassen: Dass sie Kraft geben – ohne Aufwand. Dass sie etwas wandeln, ohne falschen Budenzauber. Einfach nur, weil klar wird: Du bist gesehen.
Haben Sie auch schon mal eine solche Begegnung gehabt? Ich wünsche Ihnen das und hoffe, Sie können sich vielleicht jetzt daran erinnern und daraus Kraft für diesen Freitag schöpfen. Und: Sie und ich – wir selbst könnten ja auch derjenige oder diejenige sein, die so eine Begegnung für andere ermöglicht. Begegnungen, an die sich Menschen auch in 30 Jahren noch erinnern, weil sie echt und wahr und bleibend sind.
Ich bin Martin Kürble und wünsche Ihnen aus Düsseldorf für diesen Wochenabschluss intensive Begegnungen und eine gute Zeit.
