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Kirche in WDR 5 | 19.01.2026 | 06:55 Uhr
Kartenstapel
Guten Morgen!
Beim Aufräumen fällt er mir in die Hände. Der Stapel mit den Weihnachtskarten. Als Pfarrer kriege ich eine ganze Menge davon: Menschen, denen ich im letzten Jahr begegnet bin, schicken einen Gruß. Freunde aus alten Tagen schreiben, wie es ihnen und ihren Familien ergangen ist. Kolleginnen und Kollegen schicken kluge Gedanken zu Weihnachten, die Bürgermeisterin schreibt, und - darüber freue ich mich besonders -, die örtliche Moscheegemeinde. Sie teilen mit uns Christinnen und Christen nicht den Glauben, aber die die Freude an den Feiertagen und die Sehnsucht nach Frieden auf Erden. In einer Karte liegt ein Teebeutel – Bratapfel-Geschmack. Ich koche Wasser und gieße den Tee auf, und dann sehe ich mir die Karten in aller Ruhe nochmal an.
Eine diakonische Einrichtung schickt eine kleine Tüte mit Rotkohlgewürz, ja, sie hören richtig: Rotkohlgewürz. Und sie weisen darauf hin: Wenn man einen Rotkohl von oben nach unten aufschneidet, sieht der Strunk in der Mitte aus, wie ein Engel. Mit ist das nie aufgefallen, vielleicht, weil ich den Rotkohl immer im Glas kaufe.
Ein Kollege hat eine Krippe im Schutt fotografiert. Da steht eine verbeulte Schubkarre voller Bauschutt, und mittendrin liegt ein goldener Stern und ein Papierkörbchen mit ein bisschen Stroh und einer klitzekleinen Babypuppe – weich gebettet auf einer Pusteblume. Zerfall und Hoffnung, so heißt diese Krippe, und die Künstlerin, die sie gemacht hat, sagt: „Das Jesuskind im Schutt ist ein Symbol für das Unzerstörbare: Menschlichkeit im Angesicht des Unmenschlichen.“ (1)
Eine andere Karte zeigt einen Haufen bunter Plastikbausteine. Das fasziniert mich sofort: Ich liebe diese Plastikbausteine. Vorne der Steinhaufen, innendrin eine einfache Krippe, aus den Steinen zusammengebaut. Es ist alles schon da, schreiben zwei Kollegen, zwar unfertig und unvorstellbar, doch nichts fehlt. (2)
Eine etwas größere Karte fällt mir in die Hände. Sie ist dunkelblau, vorne drauf ein kleiner Stern und in kleiner Schrift das Wort „Frieden“. Innendrin steht nichts, außer dem Wunsch für ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes neues Jahr. Ich weiß noch, als ich sie im Advent bekam. Ich war zuerst enttäuscht. So einfach – ein bisschen mehr hätte ich schon erwartet. Doch heute, hier im Kartenstapel, macht die einfache Karte plötzlich Sinn.
Frieden. Er ist schon da, unfertig und unvorstellbar, doch nichts fehlt. Natürlich ist Frieden möglich. Christinnen und Christen erinnern jedes Mal an Weihnachten daran: Der Stern über der Krippe von Jesus, dem Friedenskönig, er weist darauf hin. Die Reise ist weit und beschwerlich. Damals wie heute. Wenn ich ankomme, werde ich Gott finden. Menschlichkeit im Angesicht des Unmenschlichen. Die Sehnsucht nach Frieden ist unzerstörbar.
In der Bibel betet jemand: „Unser Gott hat ein Herz voll Erbarmen. Darum kommt uns das Licht aus der Höhe zur Hilfe. Es leuchtet denen, die im Dunkel und im Schatten des Todes leben. Es lenkt unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (3)
Die blaue Karte mit dem Stern und dem Wort „Frieden“ stelle ich mir auf den Schreibtisch. Da darf sie noch ein paar Wochen stehen bleiben und mich an Weihnachten erinnern.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5:)
Zeichen des Friedens wünsche ich Ihnen an diesem Montag! Ihr Pfarrer Steffen Riesenberg aus Bottrop.
Quellen:
(1) „Krippe im Schutt – Zerfall und Hoffnung“, Installation der Künstlerin Simone Thieringer (*1958), Telgte, gezeigt in „Hoffnung“ – 85. Telgter Krippenausstellung
(2) Karsten Schneider und Thomas Sauerwein, Ev. Kirchenkreis Unna, Weihnachtskarte 2025.
(3) Lukas 1,78-79, Basisbibel.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
