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Sonntagskirche | 28.12.2025 | 08:55 Uhr
Vertrauenssprung
Na? Gehören Sie auch zu denen, die jetzt am Ende des Jahres noch mal durch die Fotos auf Ihrem Telefon gehen und sich wärmen an den Momenten, die schön waren? Usselige Momente gab es ja auch genug…Einer meiner schönsten Momente 2025 ist vor fast genau einem halben Jahr passiert. Am damals bislang heißesten Tag des Jahres.
Er war passiert im Kölner Stadionbad. Und es ist eine
Geschichte für den Glauben an die Menschheit. Klingt dramatisch, aber die
Situation war auch so. Das Kölner Stadionbad gab dafür die perfekte Bühne: Auf
beiden Seiten des 50 Meter-Beckens und des Sprungsturms sind Tribünen. Da sonne sich die, die zuvor im Bad waren. An jenem
Tag, Ende Juni, lacht die Sonne nicht, sie brennt, das Bad ist voll und die
Schlange lang, um vom „5 Meter“ zu springen.40 Minuten anstehen. Alle lechzen
danach, ins kalte Blau zu platschen. Manche mit Salto, andere mit Bauchklatscher,
dass wir auf der Tribüne mitleidig fiepen – so weh muss das tun. Dann ist eine Mutter dran mit ihrem Sohn. Er ist
offensichtlich noch nie von so hoch gesprungen. Und dass er Trisomie-21 hat,
hätte ich nicht erwähnt, wenn es mir nicht so scheinen würde, dass Menschen mit Trisomie immer etwas duchlässiger sind in ihren Emotionen. Wenn sie in der
Freude stehen, dann gibt es keine glücklicheren Menschen. Der Sohn auf dem fünf Meter Turm aber steht
gerade mitten in der Angst.
Ich selbst habe Höhenangst. Ich würde nie dort hochgehen. Ich kann nachvollziehen, wie der Sohn den Sog der Tiefe spürt. Als ob er dem Tod ins Gesicht schaut. Was er denkt, das kann ich nicht sehen von der Tribüne aus. Aber seine Gesten sehe ich. Die sind durchlässiger. Während auch andere abbremsend straucheln vor dem Absprung und wieder zurück trotten, begleitet von einem „Ohhh“ auf den Tribünen, steht der Junge wie blockiert am Rand des 5ers. 1 Minute, 2 Minuten. Immer wieder schüttelt er sich. Zeigt tief herunter auf den Grund des Wassers. Zuckt mit den Achseln. Dann wieder beugt er sich vor, mit verschränkten Armen. Wir hören nicht. Wir sehen nur - auch wie die Warte-Schlange größer wird. Die Ungeduld auch.
Plötzlich ruft jemand den Namen des Jungen: „Matti, Du schaffst das!“. Minute 3. Die Mutter versucht Matti zu ermuntern, einfach wieder zu gehen. Aber: Matti ist versteinert am Rand des 5ers. Auf den Tribünen werden die Matti-Rufe lauter. Alle klatschen auch. Alle fiebern mit. Vor allem aber auch mit der Mutter. Hinter Matti formiert sich eine Gruppe halbstarker Jungs. Auch sie gestikulieren. Aber Matti beugt sich vor. Schüttelt sich. Nichts geht. Plötzlich rührt sich die Mutter, flüstert ihm was zu. Springt einfach. Lässt ihren Sohn zurück auf dem Sprungturm. Der ist zunächst völlig ausser sich. Beugt sich noch tiefer. Sucht die Mutter am Beckengrund. Gefühlt alle, die ums Becken stehen, applaudieren der Mutter. Bange Frage: Was passiert mit dem Sohn, allein, umgeben von den Halbstarken?
Er trottet zurück. Der Vater wühlt sich den Weg durch die Schlange, will den Sohn sicher vom Sprungturm holen. Plötzlich dreht Matti um. Nimmt Anlauf. Und: Springt. Das Stadionbad jubelt. Klatscht. Weint. Erleichterung. Aufatmen. Auftauchen. Matti wird geherzt. „Du hast es geschafft, Matti“ – rufen die Stimmen. Ein Osterjubel – mitten im Sommer.
Warum diese Geschichte eine Geschichte über den Glauben an die Menschheit ist und vielleicht eine über den Glauben an sich?
Weil die Mutter immer bei ihrem Sohn war. Auch und gerade, als sie ihm voran gegangen war im Sprung. Vielleicht brauchte Matti den Beweis, dass im Grunde des Beckens nichts schief gehen kann.
