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Kirche in WDR 5 | 08.07.2026 | 06:55 Uhr

Segen

Guten Morgen!

In Köln klingt kaum ein Satz nur nach Köln.

In der U-Bahn höre ich Kölsch, Hochdeutsch, Türkisch, Arabisch, Polnisch, Ukrainisch, Englisch. Manchmal alles in einem Waggon. Dazu noch ein Kind, das laut fragt, warum der Mann da so komisch redet. Und eine Mutter, die leise sagt: „Der redet nicht komisch. Der redet anders.“


Ich mag diesen Satz. Anders ist nicht automatisch komisch. Anders ist erst einmal anders. Trotzdem merke ich bei mir: Was anders klingt, strengt mich manchmal an. Ein Name, den ich nicht sofort aussprechen kann. Ein Essen, das anders riecht. Eine Art zu feiern, die mir fremd ist. Eine Frömmigkeit, die lauter ist als meine. Oder stiller. Oder bunter. Oder strenger.

Dann sortiere ich schnell. Das kenne ich. Das kenne ich nicht. Das passt zu mir. Das ist mir zu viel.


In meinem Beruf als Pfarrer begegne ich vielen Menschen an Übergängen: bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen, in Gesprächen, manchmal auch einfach zwischen Tür und Angel. Und immer wieder erlebe ich: Jemand erzählt vom eigenen Glauben, von der Großmutter, die jeden Abend gebetet hat, von einem Lied aus der Kindheit, von einer Kerze, die angezündet wird, wenn Worte fehlen.

Manchmal klingt das ganz anders als das, womit ich groß geworden bin. Und trotzdem berührt es etwas, das ich sofort verstehe: die Sehnsucht, gehalten zu sein. Die Hoffnung, nicht allein zu sein. Die Bitte, dass Gott mitgeht.


Vielleicht ist das der Segen, der anders klingt. Nicht alles, was fremd ist, muss ich sofort übernehmen. Nicht alles muss ich gut finden. Aber ich möchte lernen, weniger schnell die innere Tür zu schließen.

Denn ich habe schon oft erlebt: Gerade da, wo etwas anders klingt, wird mein eigener Glaube weiter. Ich denke an eine Begegnung im Veedel. Jemand erzählt mir, wie in seiner Familie jedes wichtige Gespräch mit Tee beginnt. Nicht mit Tagesordnung. Nicht mit: „Wir müssen reden.“ Erst Tee. Erst sitzen. Erst wahrnehmen: Da ist ein Mensch vor mir. Dann kommen die schweren Themen.

Das hat mich beeindruckt. Vielleicht, weil ich selbst oft zu schnell bin. Zu schnell beim Punkt. Zu schnell bei der Lösung. Zu schnell beim nächsten Termin. Seitdem denke ich manchmal: Vielleicht beginnt Frieden nicht mit dem richtigen Argument. Vielleicht beginnt Frieden mit einem gedeckten Tisch.


In der Bibel wird an vielen Stellen von Gästen erzählt. Von Fremden, die plötzlich vor der Tür stehen. Von Menschen, die unterwegs sind. Von Gott, der sich nicht immer dort zeigt, wo er erwartet wird.

Für mich steckt darin eine leise Warnung: Verwechsele das Vertraute nicht mit dem Heiligen. Gott ist größer als meine Gewohnheiten. Das gilt auch für Kirche. Ich liebe unsere evangelische Art: das klare Wort, den Choral, den Kaffee nach dem Gottesdienst, die Freiheit im Denken. Aber Gott hat sich daran nicht gebunden. Gott kann auch anders. Gott kann mit Akzent sprechen. Mit anderen Liedern. Mit anderen Gesten. Mit einem Menschen, der mir zuerst fremd ist.


Vielleicht ist das im Alltag schon genug: nicht sofort bewerten. Nicht sofort innerlich zurücktreten. Sondern einen Moment länger hinhören. Segen nicht nur dort suchen, wo er vertraut klingt. Vielleicht lerne ich dann genau so viel, dass meine Welt ein kleines Stück weiter wird.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5:)

Ihr Pfarrer Oliver Kießig aus Köln.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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