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Das Geistliche Wort | 04.01.2026 | 08:40 Uhr

Falsche Propheten

Weihnachtszeit, Filmezeit: Für viele die Zeit, Blockbuster zu streamen oder am Fernsehen den „kleinen Lord“ zu schauen. Für mich gehören dazu auch die alten Bibelfilme aus den fünfziger und sechziger Jahren. Seit meinen Kindertagen. Solange ich denken kann.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.

Ich bin Wilhelm Tolksdorf und als Seelsorger in der Essener Innenstadt tätig.


Musik I: Gustav Holst, Mars, aus: Die Planeten


Ja, die Bibelfilme in der Weihnachtszeit. Zum Beispiel der Film „Die 10 Gebote“ aus dem Jahr 1956 mit Charlton Heston in der Rolle des Moses. Ein Mann wie ein Baum. Groß, muskulös. Der Bart. Die blitzenden Augen. Für mich war schon immer die Aussage dahinter: So muss ein Prophet sein: stark, mutig, unbestechlich. Jemand, der genau kommen sieht, was ist und was dann noch kommen wird. Jemand, der den Mächtigen die Leviten liest. Jemand, der die Zukunft vorhersagen kann. Eine Urgestalt, gewaltig, heftig, leidenschaftlich. Einer, der sozusagen vom Himmel durchdrungen ist. Jeder Zoll ein Mann Gottes. Von Prophetinnen gleichen Schlages nichts zu finden in den alten Filmen und heute eher Mangelware.

Als Theologe habe ich natürlich das Alte und das Neue Testament intensiv studiert: Und kritisch zurückschauend muss ich zugeben: Die alten Kinofilme hatten mein Bild in Sachen Bibel ziemlich geprägt. Allerdings: Mit der Wirklichkeit haben die bunten Bilder aus Hollywood wenig zu tun.

Aber was sind nun Propheten? Wer sind sie und was haben sie gemacht? Gibt es sie noch heute? Für die Bibelforschung stellt sich die Frage ziemlich kompliziert dar. Ein einheitliches Bild gibt es da nicht. Was man sagen kann: Propheten waren kein jüdisch-christliches Phänomen. Es waren immer außergewöhnliche Persönlichkeiten und zwar in vielen Völkern und Nationen. Einige waren Lehrer, einige politische Reformer. Die alten Griechen zum Beispiel sahen Propheten als Verkünder des Willens der Götter. In Israel galten sie als berufene Rufer. Berühmte Propheten damals Elija, Hosea, Amos und natürlich Jesaja, dessen Botschaft viele Christinnen und Christen im Advent begleitet hat. Und worüber redeten diese Propheten? Über das, was gerade ist und über das, was kommen wird. Und da ist die Alternative ziemlich eindeutig: Gericht und Verdammnis oder Heil. Propheten kritisieren aktuelle politische und gesellschaftliche Verhältnisse, hinterfragen im Namen Gottes die Gegenwart und mutmaßen, wie Gott wohl auf all das reagieren wird. Dabei reden sie mit kräftigen Worten und handeln manchmal symbolisch, um zu zeigen, worum es geht: Der Prophet Hosea zum Beispiel heiratete eine Prostituierte, um zu sagen: Israel, das Volk Gottes ist seinem Gott nicht treu, der Bund zwischen Gott und Mensch ist angeschlagen. Das wird für das Volk Gottes zur dauernden Herausforderung und Krise. Bemerkenswert: Der weitere Verlauf der Geschichte zeigte dann, ob der Prophet mit seinen Voraussagen Recht hatte oder nicht. Und wenn er Recht hatte, beschämte das die Menschen und bewog sie zur Umkehr.


Musik II: Bela Bartok, Introduzione, Concerto for Orchestra (Sz116)


Aber Propheten gehören nicht nur der Geschichte an. Heutzutage gibt es in unserer Welt auch markante Persönlichkeiten, die sich zum Lauf der Welt äußern. Sie sagen, was Sache ist und scheuen sich nicht, für die Wahrheit zu kämpfen. Ich denke an den Dalai Lama, der als Anführer der Tibeter für Gewaltfreiheit und Frieden eintritt. Ich denke an die iranische Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die sich für den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran und die Unterstützung der Menschenrechte und der Freiheit für alle eingesetzt hat oder auch an den vor knapp einem Jahr verstorbenen Papst Franziskus und seinen Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung.

Allerdings beobachte ich auch Tendenzen, die bedrohlich sind: Unter dem Deckmantel von Religion und Gottesfurcht tarnen sich Kräfte, die ihre eigenen Propheten küren, um so Politik zu machen. Ich denke an die USA, ich denke an den Influencer und Populisten Charlie Kirk, der im vergangenen Sommer durch ein Attentat ums Leben kam. Wie kaum ein anderer steht Charlie Kirk für die Verschmelzung einer radikalen Politik mit einer bestimmten Form des Christentums in den USA. Charlie Kirk folgte einer politischen Idee. Ihm reichte es nicht, Gott zu lieben, zu beten oder den Menschen in der Gemeinde zu helfen. Im Gegenteil. Für christliche Nationalisten wie ihn zählt nicht mehr die Nächstenliebe und Bereitschaft, sich um des andern willen selbst zurückzunehmen. In zahllosen Podcasts und Reden trat er für eine radikale Politik ein: Gegen den politischen Gegner, gegen Andersgläubige.

Der Gedenkgottesdienst für Charlie Kirk am 21. September vergangenen Jahres geriet zu einem Massenspektakel, irgendwo zwischen politischer Kundgebung und Gottesdienst. US-Präsident Donald Trump persönlich war anwesend. Der Präsident hat sich umgehend an die Spitze der Bewegung gestellt und setzte sich ab von der versöhnlichen Position der Witwe von Charlie Kirk, die von Vergebung sprach. Donald Trump sprach von Hass gegen all seine Gegner und von Vergeltung - Kategorien, die das Gegenteil sind von christlichen Idealen. So sehr die Rede von „America first“, von „zuerst Amerika“, verfängt: christliche Botschaft setzt andere Prioritäten: „Du sollst Gott lieben und dann deinen Nächsten“ (vgl. Lk 10,27), heißt es unmissverständlich im Neuen Testament.

Die Sorge ist berechtigt, dass Amerika im Namen eines falsch verstandenen Christentums zu einem autoritären Staat umgebaut wird. Was mich dabei sehr beunruhigt: Die amerikanische Politik macht sich religiöse Symbole und Traditionen zunutze, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Entscheidungen der Regierung, Attacken auf Schulen, Universitäten, auf die Justiz, ein hartes Vorgehen gegen Einrichtungen des Kulturlebens, brutale Razzien gegen Migranten, all das geschieht auch unter der Fahne eines christlich geprägten Fundamentalismus.[1] Und so verwundert es auch nicht: Viele Anhänger von Donald Trump sehen in ihm einen von Gott gesandten Heilsbringer[2], ja, einen Propheten. Ich sehe das allerdings nicht nur in den USA. Auch bei uns in Deutschland macht sich fundamentalistische Stimmungsmache gegen Andersdenkende im Gewand christlicher Rede breit. Im Internet gibt es zahlreiche christliche Influencer, sogenannte „Christfluencer“, die offenbar immer beliebter werden. Sie verbinden gerne konservative Inhalte mit moderner Ästhetik und sprechen über moralische Themen, die Sicherheit und Identität versprechen, ohne zu differenzieren.[3] Gleichzeitig grenzen sie Andersdenkende aus und bedienen sich einer endzeitlichen Sprache.

In rechtspopulistischen Kreisen wird ja gerne vollmundig von Traditionen und christlichem Brauchtum geredet und damit – ganz bewusst und planmäßig – die Gegenwart abgewertet. Das verfängt gerade in einer Zeit, in der sich das konfessionelle Christentum genauso in einer Existenzkrise befindet, wie die Demokratie.
Beides wird untergraben und missbraucht für nationalistische und egoistische Ziele.


Musik III: Bela Bartok, Legia, Concerto for Orchestra (Sz116)


Ich komme noch einmal zurück zu den Propheten. Zu Menschen also, die sich im Namen Gottes mit Kritik und Hingabe der Wirklichkeit stellen und für die Zukunft mahnen. Sie können und wollen ihren Mitmenschen Orientierung geben. Aber was ist mit Propheten, die keine sind, sich nur als solche ausgeben oder als solche hochgejubelt werden? Was ist mit Leuten, die das Prophetische für sich in Anspruch nehmen, dann aber ihr eigenes Süppchen kochen? Offenbar wusste bereits Jesus von dem Problem, als er sagte (Lk 21, 8): „Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach!“ Was tun, um den gegenwärtigen Irreführern nicht zu erliegen? Ich meine: Es sollte darum gehen, die Augen aufzuhalten und sich nicht von lautem Gerede, von einfachen Lösungen und scheinbar Gottgegebenem blenden zu lassen. Und da hilft in den meisten Fällen das Nachdenken, die Unterscheidung der Geister. Wem kann, wem darf ich vertrauen? Welche Ideen und Vorschläge sind vernünftig, welche Projekte und Vorhaben bringen wirklich etwas voran? Was taugt? Was nicht? Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat das einmal die Sache des „gesunden Menschenverstandes“ genannt. Und eine Spruchweisheit aus dem Mittelalter rät, in unklaren Situationen alles vom Ende her zu denken. „Respice finem!“ – frei übersetzt: „Denk immer daran, was bei einer Sache am Ende herauskommt!“ – Wie sieht aber eine Sache aus, wenn man sie wirklich bis zum Ende durchbuchstabiert? Und kann man das überhaupt? Ich bin davon überzeugt, man muss dazu die richtige Haltung mitbringen. Und da ist für mich eine Person aus der christlichen Geschichte sehr vorbildlich und prägend: Ignatius von Loyola, der Begründer des Jesuitenordens. Ignatius lebte am Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert. Er erkennt, dass sich der moderne Mensch angesichts so vieler Möglichkeiten, die sich ihm bieten, entscheiden muss: Wem vertraue ich? Welchen Beruf ergreife ich? Für wen und was setze ich mich ein? Die Antwort auf alle diese Fragen beruht darauf, abzuwägen, eben die Unterscheidung der Geister. Ignatius stellt fest: Wenn ich vor einer Entscheidung stehe, Dinge abwägen muss, komme ich in ein ganzes Gewirr von Gefühlen. Es können negative Gefühle sein wie Ängste und Sorgen, aber auch – und das ist sehr wichtig – positive Gefühle wie Zuversicht und Freude. Und hier liegt nach Ignatius ein wichtiger Schlüssel für die Scheidung der Geister. Ich muss in einer Entscheidungssituation die Regungen meines Herzens wahrnehmen und prüfen: Wo findet mein Herz am Ende mehr Ruhe und Gelassenheit, mehr Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Suche ich nur den eigenen Vorteil und bin auf mich selbst orientiert, oder habe ich auch das Wohl der anderen im Blick? Kann ich also selbst-los sein, will heißen, kann ich von mir absehen?


Musik IV: Sergei Prokofjew, Klavierkonzert Nr. 3 C-Major, 2. Satz


Die Unterscheidung der Geister, wie sie Ignatius von Loyola empfiehlt – das wäre für mich ein Kriterium, um auch die richtigen von den falschen Propheten zu unterscheiden.

Die Entscheidung, ob ich nämlich einer Person traue oder nicht, ist ein inneres Ringen um den richtigen Weg! Und die Entscheidung ist erst dann richtig getroffen, wenn es nicht allein um mich selbst geht, sondern um das, was letztlich einem höheren Ziel dient. Das „größere Gut“, so nennt es Ignatius, darum geht es. Und für ihn ist es völlig klar: Christen setzen sich für andere Menschen ein. Sie sind bereit, dafür sogar persönliche Nachteile auf sich zu nehmen. Die Unterscheidung der Geister kann im alltäglichen Leben eingeübt werden. Dazu hilft mir zum Beispiel, gerade auch mit den Menschen zu reden, die nicht meine Einschätzung teilen, die mir auch noch andere Handlungsweisen eröffnen, die mich selbst schließlich anregen für mein eigenes Leben und Handeln. Und dann stellt sich eben die Frage: Nützt es einem größeren Gemeinwohl und schafft es Frieden in mir und meinem Herzen, im Leben der Anderen und in der Gesellschaft? Und wieder auf die Propheten bezogen, um herauszufinden ob es richtige oder falsche sind: Stehen sie ein für Frieden und Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Solidarität, Versöhnung und Offenheit? Das wären meine Kriterien auch und gerade an die Verantwortlichen in unserer Gesellschaft, ob Politiker oder Kirchenvertreter.

Schließlich gilt das alte biblische Wort (Mt 7,16) „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen?“ Also steht am Ende Hass und Abgrenzung oder Frieden und Versöhnung? Eigentlich, so finde ich, sind falsche Propheten rasch zu erkennen und zu durchschauen.

Also: Wie wäre es, stärker die Geister zu unterscheiden: mit Vernunft und Herz, um falschen Versprechungen zu widerstehen! Hier und jetzt! Und hoffentlich auch im neuen Jahr, das gerade erst angefangen hat.

Es grüßt Sie nachdenklich – Wilhelm Tolksdorf aus Essen


Musik V: Bela Bartok, Finale, Concerto for Orchestra (Sz116)


[1] Vgl. dazu Jörg Schindler: „Gott will es“, in: Der Spiegel Nr. 40 vom 26.09.2025, 8-15

[2] Vgl. dazu Roman Deininger: Jesus Christ’s Superstar, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 240 vom 18.10./19.10.2025, 15.

[3] Vgl.: https://www.deutschlandfunk.de/christfluencer-evangelikale-rechtspopulismus-patriarchal-bibeltreu-keusch-100.html .

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