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Im Leben und im Sterben
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Hörmal | 14.06.2026 | 07:45 Uhr

Im Leben und im Sterben

Es gibt Besuche, die mir richtig schwerfallen. Besonders die, bei denen ich nicht weiß, was ich sagen soll. Wenn eine heftige Diagnose im Raum steht, die alle Beteiligten sprachlos macht. Ich bin unsicher, wann und wie ich das ansprechen soll. Ein schlichtes „Wie geht es Ihnen?“ scheint mir irgendwie unangemessen.


Am Ende meiner Ausbildungszeit zum Pfarrer stand ich genau vor einem solchen Besuch. Bei der Frau, die ich besuchen sollte, war erst vor kurzem eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert worden. „Da kann man nur noch palliativ was machen“, so sagte man mir. Und: „Sie freut sich aber bestimmt, wenn Du vorbeikommst.“ Also habe ich ein Treffen vereinbart und bin bei ihr vorbeigefahren. Vor ihrem Haus habe ich noch eine Weile im Auto gesessen, überlegt noch eine Runde, um den Block zu fahren, mich zu sammeln, bevor ich aussteige und an der Türe klingele.


Sie macht mir die Türe auf und führt mich in den Garten. Alles blüht und grünt an diesem Tag im Frühsommer. Die Vögel zwitschern. Ein kleiner Tisch ist liebevoll zum Kaffeetrinken gedeckt. „Was haben Sie es schön hier!“ sage ich und betrachte die Wiesenblumen, die sie in eine kleine Vase gesteckt hat, den selbstgebackenen Kuchen und setze mich. Und bevor ich noch etwas hinzufügen kann, schaut sie mich an und sagt: „Ich habe eine Bitte an Sie: Ich möchte, dass wir heute höchstens zehn Minuten über meine Krankheit reden. Danach will ich über etwas anderes mit Ihnen sprechen. Der Krebs bestimmt schon genug von meinem Leben, ich will ihm nicht zu viel Macht über mich und mein Denken geben. Das passt nicht mit meinem Glauben zusammen.“


Es wird ein intensives Gespräch. Wir lachen miteinander und halten auch die Momente der Sprachlosigkeit aus. Das ist schwer. Lebensfreude und Traurigkeit so dicht beieinander. Das volle Leben eben. Natürlich sprechen wir auch über ihre Krankheit – aber eben nicht die ganze Zeit. Ich bewundere, wie ihr Glaube sie innerlich frei macht, trotz der Krebserkrankung, die alles bestimmt.


Als sich die Haustüre nach meinem Besuch hinter mir schließt, weiß ich nicht, wer mehr aus dem Gespräch mitgenommen hat, die Frau oder ich. Aber das ist am Ende gar nicht wichtig. Es geht darum, in schweren Zeiten Freude und Ängste zu teilen und sich gegenseitig davon zu erzählen, was Hoffnung macht.



Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel



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