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Kirche in WDR 2 | 25.03.2026 | 05:55 Uhr
Hin und weg
„Komm, wir ziehen in den Frieden. Wir sind mehr als Du glaubst.“ Das hat Udo Lindenberg mal gesungen. Schon ein paar Jahre alt, das Lied. Vor kurzem hat mir ein Kollege erzählt, wie er es einmal live bei einem Konzert gehört hat. Und dass er nie vergessen wird, wie kraftvoll das war – als irgendwann alle mitgesungen haben. Da hatte er gespürt: In der Tat! Wir sind viele. Die, die Frieden wollen, sind mehr, als ich manchmal selbst glaube. Und wie er davon erzählt hat – das war ansteckend. Direkt habe ich mir das Lied angehört und habe es seitdem immer mal wieder im Ohr. Auch wenn ich dieses Liveerlebnis nicht hatte, ich kann mir vorstellen, wie das gewesen sein muss. Ich glaube die Kraft dieses Erlebnisses und, klar, auch von dem Lied liegt darin, dass es um Hinwendung geht. Udo Lindenberg stellt den Frieden vor Augen, als Ziel und ruft auf: kommt alle mit! Wir ziehen zusammen darauf hin. Das ist es, was mich an diesem Lied so berührt und scheinbar auch viele andere. Es gibt die Richtung vor: Wir ziehen eben nicht in den Krieg. Wir: ziehen den Frieden vor. Dahin wollen wir ziehen.
Und damit trifft dieses Lied eine doppelte Sehnsucht von mir – zuallererst die nach Frieden. O, ich sehne mich danach: für jeden Menschen, jedes Wesen dieser Erde. Und zum zweiten sehne ich mich nach mehr Hinwendung. Ich habe nämlich oft das Gefühl, in einem Kreislauf von Abwendungen zu stecken.
Auch in meiner katholischen Kirche. Viele haben sich abgewandt. Viele lehnen sich auf sich gegen all das, was lange galt. Besonders gegen vergiftete Strukturen, die Menschen klein gemacht haben, ja, auch missbraucht. Der Prozess ist wichtig – und klar, der wird auch von außen befeuert. Von Leuten, die sich längst von dieser Kirche abgewandt haben oder nie dazu gehörten. Und die dennoch sehr zu Recht an die Verantwortung der Kirche appellieren. All diese Ablehnung von Unrecht, diese Abwendung von einer Kirche, die viel Schuld auf sich geladen hat, kann ich nachvollziehen. Ich selbst lehne so vieles in dieser Kirche ab. Und zugleich: Aus reiner Ablehnung heraus kann ich nicht leben. Und ich kann mich auch nicht immer nur abwenden. Dann drehe ich mich im Kreis.
Ich muss mich irgendwohin ausrichten, ein Ziel haben, zu dem ich mich hinwende. Das gilt für meine Kirche, das gilt für so vieles andere aber auch. Nicht zuletzt für meinen „Lebens-Lauf“. Worauf richtet der sich aus? Was wurde aus meinen Träumen? Was aus unseren Wünschen? Was aus unserem Hoffen? Das klingt nach Luftschlössern. Und die haben ja nicht so einen guten Ruf. Und doch brauchen wir solche Zielrichtungen dringend, wenn wir Veränderungen wollen.
Und nur wenn wir uns davon erzählen: in der Kirche, in der Gesellschaft, unseren Gruppen – ja auch zu uns selbst: Finden sich die, die mitgehen. Weil wir das gleiche Ziel haben. Und weil die Zeit reif ist, aufzubrechen. Und ich wünsche mir einen solche Aufbruchstimmung mit möglichst vielen. Sich mit vielen ganz unterschiedlichen Menschen dem zuwenden, was man für ein gutes Leben hält - ich glaube, darin steckt eine große Kraft. Dann kann was entstehen. Komm, wir ziehen in den Frieden. In eine Welt, in der es gerecht zugeht. Wir sind mehr, als du glaubst.
