Beiträge auf: wdr3
Kirche in WDR 3 | 16.01.2026 | 07:50 Uhr
Das fragile Ganze
Einen guten Freitagmorgen! „Uiuiui: hoffentlich geht hier nichts kaputt“, denke ich, als ich durch die Ausstellung gehe. Ich bin in einem leeren Raum voller Glasspiralen. Manche stehen, manche hängen. Irgendwie muss ich durch dieses Labyrinth durchkommen. Ich gehe vorsichtig. Achtsam. Und trotzdem: immer wieder klirrt es. Die Glasspiralen schwingen, zittern. Sie werden von unterschiedlichen, zufälligen Frequenzen bewegt. Dann sehe ich auch Scherben. Waren manche doch nicht so aufmerksam?
Ich bin in der Ausstellung „Melting Sands – Glas in der zeitgenössischen Kunst“ und die Arbeit von Jeanine Verloop aus den Niederlanden hat es mir angetan. Denn: Das Klirren und Knacken: Das gehört dazu. CHIME ist ein Kunstwerk, das sich selber zerstört und von der Künstlerin immer wieder geheilt und ergänzt werden muss. Jeanine Verloop bleibt in Sorge um ihr Werk. Lange bin ich diesem Raum mit den feinen, individuellen, in Spiralen verlaufenden Glasfäden. Und ich denke an einen Kalenderspruch: „Glück und Glas, wie leicht bricht das.“
Passt vielleicht zum neuen Jahr, wo im Großen schon erstaunlich viel zu Bruch gegangen ist. Aber ich denke auch daran, weil ich Krankenhausseelsorger bin.
Wie fragil, wie viele feine Windungen unser Leben haben kann, habe ich in den letzten Wochen an Malte gesehen, den ich im Krankenhaus ein Stück seines Lebensweges begleitet habe: Autounfall. Maltes Leben – einmal komplett in Scherben. Dass Malte noch lebt, verdankt er zahlreichen Operationen. Eigentlich wollte er in den nächsten Monaten eine Ausbildung beginnen. Jetzt stehen Rehas an. Jetzt beginnt ein neues, ein anderes Leben. Aber: ist wirklich alles anders? Wir sprechen viel. Über früher und über morgen. Über Ganz sein und über Träume und Pläne, die wie Glas in tausend Scherben zerspringen können. Ich denke an das Kunstwerk in der Ausstellung. Ja, es gerät etwas in Schwingung. Ja, es bricht etwas ab. Ja, es wird etwas anders. Doch gleichwohl ist Malte immer noch das eine kunstvoll geschaffene Werk. Gleichwohl behält sein Leben seine tiefe innere Bedeutung, seine Seele. Nachdem wir das tiefe Tal der Tränen durchschritten haben, sagt Malte. „Ich bin nicht nur dieser eine, vielleicht für immer verletzte Teil meines Körpers. Ich bin mehr, ich bin vielschichtig.“ Was für eine kraftvolle Einsicht!
Ja, denke ich auch für mich und nehme diese
Erkenntnis auch aus der Ausstellung mit:
Du bist nicht nur eine dieser feinen Glasspiralen, ohne Berührung
neben anderen in einem Raum. Du bist das ganze, sorgfältig geschaffene Kunstwerk,
an dem etwas an vielen Stellen immer wieder – zufällig - in Schwingung gerät –
Körper, Geist, Seele. Sicher zerspringt auch von Zeit zu Zeit ein Teil und wird
für immer verändert. Dadurch entsteht ein neuer, eigener Sound des Lebens. Aber
sicher ist: Du bleibst doch immer auf deine Weise einmalig und schön.
Übrigens: das Kunstwerk ist als Teil der Ausstellung „Melting Sands“ noch bis Ende nächster Woche in der Sammlung Philara in Düsseldorf zu sehen. Ich bin Martin Kürble und wünsche Ihnen für diesen Wochenabschluss den Blick für das fragile, aber wunderschöne Ganze und damit eine gute Zeit.
