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Kirche in WDR 5 | 01.06.2026 | 06:55 Uhr
Maske
Mal ehrlich: Wir alle tragen Masken. Nicht aus Silikon wie im Film. Nicht so perfekt wie Jim Carrey. Der wurde nicht nur mit dem Film „Die Maske“ berühmt. Sondern gilt bis heute in Hollywood als einer der größten Verwandlungskünstler.
Und vielleicht konnte es auch nur Jim Carrey passieren, dass kürzlich in dieser von Fake-Videos verunsicherten Welt eine heiße Debatte geführt wurde, ob es der echte Jim Carrey war, der bei den Cezar-Film-Awards in Paris auftauchte. Oder hatte er ein Double zur Preisverleihung geschickt? Angeblich mit täuschend echter Maske? Carrey hat das inzwischen dementiert. Vielleicht ist das nur eine Debatte für Film-Nerds oder Freunde des Internet-Gossips. Aber mich beschäftigt das, weil dahinter eine größere Frage steckt: Was heißt es eigentlich, echt zu sein?
Ich arbeite an einer Schule als Seelsorger. Und in Schulen, bei Menschen im Übergang vom Kind zum Erwachsensein ist die Frage zentral. Wann bin ich echt? Wo trage ich Masken? Spiele ich Rollen? Und überhaupt: Was ist meine Rolle? – Im Leben, in meiner Familie, bei meinen Freunden? Vielleicht können Sie sich noch an Ihre Zeit in der Schule erinnern. Mit all den Unsicherheiten. Seit ich seit gut anderthalb Jahren an einem Gymnasium in Münster arbeite, begleiten mich diese Fragen. Ich begleite Fahrten, hänge mit Jugendlichen in den Pausen ab, feiere Gottesdienste und führe seelsorgliche Gespräche. Und in einem dieser Gespräche fällt ein Satz, der hängen bleibt: „Ich habe Angst, mich selbst zu verlieren.“ Ich finde das ist ein starker Satz. Und brutal ehrlich. Gerade aus dem Mund eines Jugendlichen. Vielleicht wirkt der auf den ersten Blick abgedroschen. Im Gespräch stellt sich dann aber raus, was mein mein Gegenüber eigentlich meinte. Und zwar: „Ich weiß nicht wo vorne und hinten ist. Mir fehlt Orientierung. Ich will wissen, wer ich bin.“ Und vielleicht wollte er auch sagen: „Es ist schwer Abschied zu nehmen. Von meinem alten „Ich“. Von mir als Kind. Ich will ja Erwachsen sein.“ Aber Loslassen fällt eben schwer. Nicht nur Kindern und Jugendlichen.
Das passiert ja oft – auch nach der Schulzeit. Das Leben verändert sich. Neuer Job, neue Aufgaben, neue Erwartungen, neue Rollen. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem ich mich frage: Bin ich mir eigentlich noch treu? Ich kenne diese Frage auch von mir selbst. Nicht jeden Tag. Aber immer wieder. Und dann habe ich einen spannenden Gedanken. Ich denke an die Dreifaltigkeit. Ein Gott – und doch Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gestern war übrigens Dreifaltigkeitssonntag. An diesem Tag feiern Katholiken genau diese Idee. Und ich sage bewusst: Idee. Denn Gottes Wirklichkeit lässt sich nicht einfach festhalten. Ich kann mich ihr nur. Ich will das jetzt gar nicht dogmatisch aufdröseln. Aber mir hilft die Dreifaltigkeit, weil sie zeigt: Einheit und Verschiedenheit müssen kein Widerspruch sein. Dass jemand auf unterschiedliche Weise da sein kann – und trotzdem derselbe bleibt.
Ich bin nicht falsch, nur weil ich nicht überall gleich wirke. Im Seelsorgegespräch anders als in der Pause. Im Gottesdienst anders als privat. Mal locker, mal ernst, mal zurückgenommen und manchmal vorpreschend. Und trotzdem: Ich bin immer noch ich. Ich würde sagen: gerade wegen dieser Dreifaltigkeits-Idee haben Christen eigentlich einen guten Sinn für Identität trotz allen Veränderungen.
Es geht gar nicht darum, immer überall exakt gleich zu sein. Ich darf mich verändern. Denn: unter all den Masken ist am Ende doch ein Kern, der gleichbleibt. Mir hilft das.
Ich grüße Sie aus Münster. Ihr Stephan Orth.
