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Kirche in WDR 4 | 29.01.2026 | 08:55 Uhr
Ab in die Gurkentruppe!
Ich gestehe: Ich tauge nicht als Christ. Schon gar nicht als Diakon. Warum? Weil ich ziemlich oft ziemlich oberflächlich bin. Ich vergesse auch Dinge. Meistens habe ich zu viel um die Ohren und kümmere mich dann nicht ausreichend um das, was ich zugesagt habe. Ich habe auch jahrelang den Beruf in den Vordergrund gestellt und meine Familie vernachlässigt. Und ich bin häufig nicht erreichbar für die, die mich gerade brauchen. Und, und, und … Also lange Rede – kurzer Sinn: Ich tauge nicht als Christ.
Wahrscheinlich bin ich nicht einmal der Einzige, der so denkt. Andere formulieren das vielleicht nur anders. Da kommen dann solche Selbstzweifel in Fragen daher wie: Was soll der liebe Gott schon anfangen wollen mit einem kleinen Sachbearbeiter in der Gemeindeverwaltung? Was will der mit jemanden, der sonntags lieber auf den Sportplatz zum Fußballspiel geht, als in die Kirche? Wozu braucht der jemanden, der sich regelmäßig über die schrägen Typen aus der Wohnung gegenüber ärgert, statt denen zu helfen?
Der eine oder andere hat vielleicht sogar so ganz grundsätzlich Bedenken: Wieso sollte Gott Wert auf mich legen, wenn ich doch ganz viel mache, was nicht dem entspricht, was er von mir fordert? Ich lüge zum Beispiel. Nicht immer. Aber wahrscheinlich doch oft genug, um mich damit bei ihm ins Abseits zu schießen. Ich rede schlecht über andere. Nicht am laufenden Band. Aber zu viel, um den Ansprüchen zu genügen, die da wohl ans Christsein gestellt werden. Und weil das alles so ist, kann ich dem Laden auch gleich ganz den Rücken zukehren.
Wie gesagt: Alles Gedanken, die mir nicht fremd sind. Und wenn die mal wieder Überhand gewinnen, schaue ich gerne auf die Frauen und Männer, die Jesus zu seinen besten Freunden gezählt hat. Eine Hure war zum Beispiel dabei. Und ein Lügner. Sogar ein paramilitärischer Fanatiker, von dem wir nicht genau wissen, ob er nicht sogar die eine oder andere Gewalttat auf dem Kerbholz hatte. Eigentlich hatte sich Jesus damals eine ziemliche Gurkentruppe zusammengestellt. Keiner von denen war sonderlich gebildet. Alle waren einfache Leute. Keiner war berühmt. Keiner besonders hochgestellt. Und die meisten hatten Baustellen in ihrem Leben, die sie als moralische Vorbilder völlig ungeeignet machten. Trotzdem hat Jesus zu ihnen gesagt: Komm mit! Ich brauche Dich!
Spricht das gegen Jesus, dass er solche Freunde hatte? Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Mir macht das sogar Mut. Mich bestärkt das. Nicht in dem Falschen, was ich tue. Aber dass ich mich trotz des Schlechten und Bösen in meinem Leben in die Reihen derjenigen stellen darf, die letztlich dann ein heiliges Leben geführt haben. Offenbar gibt es für den lieben Gott nichts, was so schlimm wäre, dass er nicht sagt: Hej – ich find dich gut. Mach doch bei mir mit!
Für mich ist ein Blick auf die Freunde von Jesus deshalb immer wieder hilfreich. Weil er mir zeigt. Ich muss nicht perfekt sein. Waren die damals auch nicht. Und ich muss mich auch nicht schämen und schlecht fühlen und deshalb von ihm abwenden, weil ich glaube, dass er mich nicht bei sich haben möchte. Im Gegenteil. Ich kann mir immer wieder sagen: Wenn da Platz für solche Typen war – dann wird da wohl auch für mich Platz sein. Wenn ich also Zweifel habe, ob ich als Christ tauge: Der liebe Gott wird diese Zweifel sehr wahrscheinlich nicht haben. Bei mir nicht. Und bei Ihnen auch nicht. Deshalb: Trauen Sie sich! Ab in die Gurkentruppe!
