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Kirche in 1Live | 01.07.2026 | floatend Uhr
Eigentlich
Die Bäckerei hat eigentlich schon zu. Aber die Verkäuferin sieht dich durch die Scheibe – und macht nochmal auf. Der Sachbearbeiter auf dem Bürgeramt müsste dich eigentlich abwimmeln, weil dein Antrag eine Frist verpasst hat. Aber er drückt ein Auge zu. Eigentlich.
Dieses Wort hat oft so ein schlechtes Gewissen dabei. Als ob ich mir was erlaube, was nicht sein darf. Regel gebrochen, System ausgetrickst. Hartmut Rosa ist ein Soziologe und der hat mal überlegt, was passiert, wenn alle aufhören, „eigentlich" zu sagen – also: wenn alle nur noch strikt nach Vorschrift handeln. Dann bricht soziales Leben zusammen. Barmherzigkeit hat dann Feierabend. Dann gibt’s nur noch Bürokratie. „Tut mir leid. Ich kann da wirklich gar nix für Sie tun. Mir sind die Hände gebunden“. Macht das Leben natürlich leicht, weil ich dann keine Verantwortung übernehmen muss, ich halte mich ja nur an die Regeln.
Und trotzdem: Regeln, Abläufe und Systeme sind natürlich sinnvoll. Die helfen uns, unsern Alltag zu organisieren. Aber die können uns nicht jede Entscheidung abnehmen. Wenn ich merke, dass die Regel hier gerade nicht so richtig sinnvoll ist, kann ich mich dazu entscheiden, was anderes zu machen, als ich „eigentlich“ sollte. Nicht einfach, weil mir danach ist, sondern weil es gerade besser für den anderen Menschen ist.
Ich halte mich da an Jesus, der gesagt hat, dass die Regel für die Menschen da ist und nicht die Menschen für die Regel. Und deshalb bewahre ich mir mein Gewissen für die Mitmenschlichkeit auf und nicht für die Regelgenauigkeit.
Christian Schröder, Aachen
