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Kirche in WDR 3 | 29.06.2026 | 07:50 Uhr
Bezeugen
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, lassen Sie mich Ihnen eine Guten-Morgen-Geschichte erzählen: Vor ein paar Jahren. Ich hatte mich für den Synodalen Weg eingesetzt, ein Reformprojekt meiner Kirche, der katholischen. Oft genug habe ich mir da mit meinen Äußerungen eine blutige Nase geholt – im übertragenen Sinn natürlich. Sprach ich zu tauben Ohren bei denen, die was ändern konnten? Manchmal war ich echt kurz davor aufzugeben. Da ergab sich eine Reise nach Lourdes, einem Marienwallfahrtsort, an dem Mitte des 19. Jahrhunderts die Gottesmutter der jungen Bernadette erschienen sein soll. Auch katholisch – aber doch was anderes als Synodaler Weg. Und trotzdem habe ich aus Lourdes etwas Wichtiges mitgenommen für meinen Einsatz bei diesem Reformprojekt. Von Bernadette, der einfachen jungen Frau, der die Madonna erschienen sein soll. Die Gottesmutter bittet Bernadette, dem Pfarrer zu sagen, Maria wolle, dass eine Kapelle gebaut und Prozessionen gehalten werden. Er ist skeptisch – nur zu verständlich! Bernadette darauf: „Herr Pfarrer, ich habe den Auftrag, es Ihnen zu sagen, nicht Sie zu überzeugen.“ Dieser Satz hat mir total geholfen bei meinem Reformbemühen. „Ich habe den Auftrag, es Ihnen zu sagen, nicht Sie zu überzeugen.“ Der Satz nimmt mich in die Verantwortung, den Mund aufzumachen. Und er gibt mir trotzdem Gelassenheit. Denn ich bin nicht dafür verantwortlich, ob das überzeugt. Für mein Reden bin ich verantwortlich, nicht für das, was andere damit machen.
In einem schönen Wortspiel sagt Roderick Vonhögen, der Glaubensverkündigung auf Social Media macht: „Wir sind nicht dazu da zu überzeugen, sondern zu bezeugen.“ Wie bei Bernadette: Ich muss nicht überzeugen. Aber es sagen, es bezeugen, das, was mir wichtig ist, das schon.
Warum ich Ihnen das erzähle? Obwohl Sie vielleicht weder Marienerscheinungen haben noch Glaubensverkündigung auf Social Media machen? Weil Sie das vielleicht trotzdem kennen, dass Ihnen etwas wichtig ist und Sie sich fragen, ob Sie es sagen sollen. Und ob das „was bringt“. Vielleicht hilft Ihnen wie mir der feine Unterschied zwischen Überzeugen und Bezeugen.
Wie ich gerade heute darauf komme? Heute ist das Fest von Petrus und Paulus. Der beiden Apostel. Unterschiedlicher fast nicht zu denken. Beide nicht perfekt. Der eine hat Jesus verleugnet, der andere die Christen zunächst verfolgt. Aber sie haben bezeugt, was sie mit Jesus erlebt haben.
Was ich mir und uns wünsche? Dass wir, wie diese beiden bezeugen, was uns am Herzen liegt. Ohne den Krampf, der entsteht, wenn wir unbedingt überzeugen wollen. Mit der Gelassenheit von Bernadette und Roderick Vonhögen, die wissen, dass es ums Bezeugen geht, nicht ums Überzeugen. So kann nicht nur Kirche gelingen, sondern unsere Gesellschaft, so kann Leben gelingen. Das musste ich Ihnen heute einfach sagen. Bezeugen, quasi. Ob es sie überzeugt? Das liegt an Ihnen.
Bleiben wir mutig im Reden – und möglichst gelassen, wenigstens heute,
Ihre Schwester Katharina Kluitmann aus Münster
