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Kirche in WDR 5 | 11.09.2026 | 06:55 Uhr
Falling Man
Falling Man. Heute vor 25 Jahren waren 2 Flugzeuge ins World Trade Center gestürzt und vielleicht wissen Sie genauso gut wie ich, wo Sie waren am 11. September 2001. Und vielleicht erinnern Sie sich an dieses Foto, das der Fotograf Richard Drew um 09:41 Uhr Ortszeit machte. Ein Mann stürzt sich in den sicheren Tod aus einem der beiden Türme. 200 Menschen hatten es ihm gleich gemacht, um der Hitze und den Flammen in den brennenden Türmen zu entgehen. Das Foto, das kurze Zeit später Falling Man genannt wurde, ging um die Welt und war hoch umstritten, zumal Journalisten um jeden Preis die Identität des fallenden Mannes herausfinden wollten. Jahre später sagte die Schwester von einem, der sich damals auch aus dem Fenster stürzte:
'Ich hoffe, wir versuchen nicht weiter herauszufinden, wer er ist. Vielmehr sollten wir herausfinden, wer wir geworden sind, indem wir das gesehen haben'.
Vielmehr sollten wir herausfinden, wer wir geworden sind, indem wir das gesehen haben. Ich finde, dieser Satz drückt aus, was der 11. September bedeutete. Die Welt war eine andere geworden. Vorbei war das Ende der Geschichte, wie der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama die Epoche nach dem Kalten Krieg nannte. Die vermeintliche Sicherheit war weg. Spätestens ab dem 11. September gingen die Geschichten wieder los, von Kriegen, nationalen Demütigungen, Menschen und Religionen unter Generalverdacht. Clash of Civilizations, Kampf der Kulturen. Dieser Begriff von Samuel Huntington machte damals die Runde. Die Theologen, die Sinnspuren in der Bibel suchten, kamen schnell zur Geschichte vom Turmbau zu Babel und manche Predigt zu der alttestamentlichen Geschichte über den Größenwahn der Menschen fand ich damals, ein junger Theologiestudent, fast schon zynisch. Denn die Terroristen hatten ja mit Absicht das damals größte Gebäude New Yorks als Ziel gewählt, nicht aus Größenwahn, sondern aus Grausamkeit.
An meiner Universität in Münster war damals Jürgen Mannemann einer der Theologen, die schnell kräftig, aber auch tiefgründiger ins theologische Denken kamen. Bemerkenswert fand ich, dass Mannemann damals nach dem Lesen der Bekennerschreiben schnell klar formulierte: Dieser Terrorakt, der war im Grunde keine islamistische Handlung, sondern eine zutiefst nihilistische. Derart grausige Gewalt um ihrer selbst willen ist ein Akt im Geiste dessen, der stets verneint, wie es bei Goethe heißt, kein religiöser, ein teuflischer Akt. Vielleicht ist es aber 25 Jahre später gar nicht mehr so drängend zu ergründen, was der 11. September genau war, sondern besser zu ergründen, was dieser Tag mit uns als Weltgemeinschaft gemacht hat: Falling Man, der gefallene Mann. Das noch: Die Schwester eines Mannes, der heute vor 25 Jahren aus dem World Trade Center stürzte, die diesen klugen Satz sagte: über das Foto und was es mit uns allen gemacht hat, die fügte noch hinzu beim Anblick des Falling Man:
'Ich dachte damals nicht an Jonathan, sondern an einen Mann, der sein Leben in dieser Sekunde in die Hände Gottes legte.'
Was für ein Glauben, dass wir, auch wenn wir fallen, in Gottes Hand geborgen sind, darauf will ich vertrauen. Klaus Nellissen aus Köln.
[1] https://en.wikipedia.org/wiki/The_Falling_Man
[2] https://www.deutschlandfunk.de/faszinierend-und-abstossend-banal-und-maechtig-100.html
[3] https://www.profil.at/wissenschaft/wer-ist-der-falling-man/401723958
