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Kirche in WDR 3 | 04.03.2026 | 07:50 Uhr
Schnepfenjagd
Guten Morgen.
Es ist dunkel und still. Nur Waldgeräusche. Knistern. Der entfernte Ruf eines Tieres. Ich hocke zwischen den Bäumen. Wage es kaum zu atmen...
Ich bin zwölf Jahre alt und die ganze Woche in einem Erlebniscamp am Niederrhein, und diese Nacht ist unvergesslich. Leonard, ein Amerikaner ist hier zu Besuch, und er hat eine Entdeckung gemacht. Es gibt Vögel hier bei uns im Wald, die er aus seiner Heimat kennt: Schnepfen. Leonard ist Professor an einer Uni in Chicago. Er hat lange mit den Navajo gelebt, einem indigenen Volk aus Amerika. Und er erzählt uns genau wie Schnepfen aussehen, sich verhalten, wie sie schmecken.
Nachdem uns der Vogel vor dem inneren Auge lebendig geworden ist, kommt der entscheidende Clou. Diese Vögel lassen sich mit einem sehr einfachen Trick fangen! Wie Mücken im Dunkeln das Licht suchen, suchen Schnepfen, wenn sie sich erschrecken, nach etwas Hellem. Das gibt ihnen Sicherheit. Uns ergreift jugendliches Jagdfieber, und wir ziehen begeistert mit weißen Kopfkissenbezügen los.
Ein wenig später werden wir im Wald positioniert. Jeder ganz allein mit geöffnetem Kopfkissenbezug und pochendem Herzen. Dann rennen die Treiber die Wege runter, klackern Steine und rufen, um die Schnepfen aufzuscheuchen. Wir hocken angespannt und atemlos am Waldboden. Hören genau ins Dunkle. Nachts im Wald. – In meinen hellen Bezug verirrt sich kein Vogel. Also warte ich. Ich will ja nicht als einziger mit leeren Händen zurückkommen. Und dann so langsam, ganz langsam beruhigt sich mein Körper und in der Ruhe fängt mein Gehirn an zu arbeiten…
Ein paar Minuten später stehe ich wieder im Lager, am Feuer. Andere auch. Alle ohne Schnepfe, aber mit einer sehr guten Geschichte. Denn ja, Schnepfen, die Vögel mit dem langen Schnabel, die gibt es wirklich. Aber hier im Wald? Und dass sie bei Gefahr freiwillig in weiße Kopfkissenbezüge rennen? Alles Quatsch. Und so setzen wir uns, es gibt heißen Kakao, und wir können nicht glauben, dass wir das wirklich glauben konnten.
Denke ich heute zurück, schüttele ich lächelnd meinen Kopf. Ich verstehe ja, ich will Dinge glauben. In mir lebt Sehnsucht nach mehr als das, was vor Augen ist. Mehr als mein Verstand zu erfassen vermag. Aber passt Glauben heute noch?
Ja, davon bin ich tatsächlich überzeugt. Ich lebe schon täglich mit unausgesprochenen Glaubenssätzen. Es sind Sätze die mir jemand mit auf den Weg gegeben, mir ins Herz gepflanzt hat.
Es gibt Glaubenssätze, die mich stärken – und andere, die mich klein halten wollen. Und so ist es vor allem entscheidend, wer in mein Leben sprechen darf – wem ich Vertrauen schenke. Welche Wahrheit ist gut für mein Hirn und mein Herz und meine Seele? Wer gibt Kraft an den Sonnen- und vor allem an den Regentagen des Lebens? Wo finde ich Hoffnung die größer ist als mein Zweifel? Wer hält treu zu mir und gibt Halt über meinen eigenen Horizont hinaus?
Antworten auf diese Lebensfragen, die darf ich selbst finden. Aber dazu muss ich mich auf die Suche machen… Statt Kopfkissenbezug nehme ich alte Worte aus der Bibel mit, die in mein Heute sprechen: „Gott ist für uns eine starke Zuflucht. In höchster Not steht er uns bei. Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Fundamente der Erde schwanken. (…) Gott wird helfen, wenn der Morgen anbricht!“ (1)
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5: )
Gute Worte ins Herz, wünscht Ihnen an diesen Morgen, Patrick Depuhl, Alpen.
Quellen:
( 1 ) Psalm, 46,2-3 und 6, BasisBibel.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
