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Geliehene Worte
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Kirche in WDR 3 | 09.07.2026 | 07:50 Uhr

Geliehene Worte

Guten Morgen!

Es gibt Tage, da fehlen mir die Worte. Das ist nicht besonders praktisch, wenn Worte zum Beruf gehören. Als Pfarrer rede ich viel. Worte sind mein Werkzeug. Manchmal sogar mein Zuhause.

Und trotzdem gibt es Momente, da stehe ich da und merke: Jedes Wort wäre jetzt zu viel. Kein Wort passt. Wenn jemand von einer Diagnose erzählt. Wenn eine Ehe zerbricht. Wenn ein Kind fragt, warum seine Mama oder sein Papa sterben musste. Wenn die Nachrichten so voll sind von Gewalt und Schrecken und Angst, dass es mir die Sprache verschlägt. Jeder kluge Satz, der mit einfällt, klingt zu klein.

Ich bin vorsichtig geworden mit schnellen Worten. „Das wird schon.“ „Gott hat einen Plan.“ „Du musst nur positiv denken.“ Solche Sätze können weh tun, auch wenn sie gut gemeint sind. Sie sind zu glatt für das, was rau ist. Zu fertig für das, was offenbleibt.


In solchen Momenten helfen mir manchmal geliehene Worte. Ein Lied. Ein Psalm. Ein Satz, den jemand anderes einmal gefunden hat. Nicht, weil er alles erklärt. Sondern weil er einen Raum öffnet, in dem ich erst einmal bleiben kann. Am Grab zum Beispiel. Da kann eine nicht sprechen vor Trauer. Und dann kommt ein Lied. Vielleicht ein Choral, den schon die Großmutter gesungen hat. Vielleicht auch ein ganz anderes Lied aus dem Radio. Und plötzlich fließen Tränen. Nicht, weil das Lied den Schmerz wegmacht. Sondern weil es ausspricht, was keiner in eigene Worte fassen konnte.


Geliehene Worte sind keine fremden Worte. Manchmal werden sie für einen Moment meine eigenen. Manchmal fällt mir morgens ein Satz ein, den ich irgendwo gehört oder gelesen habe. „Fürchte dich nicht.“ Oder ein ganz einfacher Satz meiner Mutter: „Erst mal durchatmen.“ Nichts Großes. Aber genug, um nicht sofort loszurennen.


Sogar Karnevalslieder helfen mir. Herrlich schräg sind sie und plötzlich steckt in einer Zeile mehr Trost, als ich erwartet hätte.


Vielleicht ist das eine der schönen Seiten des Glaubens: Ich muss nicht immer originell sein. Ich muss nicht für jede Lage einen eigenen Satz erfinden. Andere haben vor mir gehofft, gezweifelt, geweint, gebetet. Und sie haben Worte hinterlassen, an denen ich mich festhalten darf.

Die Psalmen in der Bibel sind voll davon. Worte aus dem echten Leben: Da spricht eine aus wie es ist. Da sagt einer danke, eine andere klagt. Einer lässt seine Wut raus, eine andere erzählt, wie müde sie ist von allem. Diese alten Worte sind erstaunlich gegenwärtig.


Ich glaube, Gott nimmt auch geliehene Worte ernst. Manchmal reicht ein Satz, den ich mir leihe, weil mein eigener Vorrat leer ist. „Halte mich.“ „Bleib bei mir.“ „Zeig mir den nächsten Schritt.“ Vielleicht ist das schon Gebet genug.


Für heute nehme ich mir vor: Ich will nicht zu schnell reden, wenn Worte fehlen. Ich will nicht jede Stille füllen. Und wenn ich selbst keine Worte finde, darf ich mir welche leihen. Vielleicht trägt mich heute ein Satz, den ich nicht selbst erfunden habe. Und vielleicht wird er gerade dadurch wahr.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5:)

Ihr Pfarrer Oliver Kießig aus Köln.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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