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Kirche in WDR 5 | 14.03.2026 | 07:55 Uhr
„Ich bin eine Sehenswürdigkeit“
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da schießen mir manchmal merkwürdige Gedanken durch den Kopf — oder Bilder oder Gesichter: heute morgen das von Arno. Ich kenne Arno aus Kassel. Er ist so eine Art moderner Missionar — im Grunde ein Verrückter. Mission versteht er als Provokation, als Lebens- und Überlebenstraining – zum Beispiel im Dschungel deutscher Fußgängerzonen. Er stellt sich gern in die Nähe von Sehenswürdigkeiten, vor das Brandenburger Tor in Berlin, vor die Arena „Auf Schalke“ oder vor den Kölner Dom. Vor sich hält er ein Plakat mit der Aufschrift: „ICH … bin eine Sehenswürdigkeit.“
Er muss nicht lange warten: »Wie meinen Sie das? – So, wie’s da steht. – Ja, muss man Sie denn kennen? – Müssen nicht, aber es gibt Leute, die mich kennen. – Ja, kennt man Sie denn vom Fernsehen? – Wenn ich eine Sehenswürdigkeit bin, muss ich dann im Fernsehen auftreten? – Nein, nicht unbedingt. —— Und dann fragt er zurück: Wer oder was ist denn in Ihren Augen eine Sehenswürdigkeit? Dann sagen die Leute: Menschen, die was Außergewöhnliches geleistet haben, Sportler, Künstler, Wissenschaftler. — Ach, die haben was geleistet? Und du? Und die pflegebedürftige Achtzigjährige im dritten Stock über mir … —, die hat nichts geleistet?«
Mir
gefällt die direkte, manchmal verblüffende Art, mit der Arno Backhaus Menschen
im Grunde mit sich selbst konfrontiert:
„ICH … bin eine Sehenswürdigkeit.“Manchmal
denk’ ich: Na, nimmt da einer seinen Mund nicht allzu voll?
Vielleicht
versteht Arno etwas, wofür andere etwas länger brauchen: Es kommt nicht auf das
Äußere an: auf prachtvolle Werke, glanzvolle Leistungen oder Rekorde. All das
mag ehrenvoll sein. Arno setzt auf das Kleine und Unscheinbare, auf das von
außen Unsichtbare
- in unserem Inneren Verborgene.
Diese
Gedanken schießen mir durch den Kopf, wenn ich an Arno denke, wie er da steht
als „kleiner Prophet“. Auf den Erlebnismärkten unserer Tage braucht es solche
Navigationskünstler. Weil Gott eine eher leise und unaufdringliche Stimme hat,
braucht es solche
Lautsprecher. Sonst überhören wir diese innere Stimme, die in uns laut werden will und sich
Gehör verschaffen. Im
Grunde können wir selbst solche Lautsprecher sein, die auf ihre eigene Stimme
hören, die da sagen will:
„Ich bin eine
Sehenswürdigkeit.“
Dann kann ich rausgehen und auch andere zur Geltung kommen lassen: die vielen Sehenswürdigkeiten um mich herum. Das ändert oft die Atmosphäre, in der ich anderen begegne. Wo wir dann nicht nur reden, sondern auch verstehen. Und erleben, wie selbst in den Scheinheiligkeiten dieser Welt — unsichtbar — Göttliches spürbar werden kann.
Das wünsche ich uns: dass wir im ganz Alltäglichen das Göttliche entdecken. Ludger Verst aus Köln
