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Sonntagskirche | 29.03.2026 | 08:55 Uhr
Kostbare Zeit
Guten Morgen,
haben Sie's schon geschafft? Ich hab´ jedes Mal Mühe mit der Stunde, die uns allen wieder an diesem Wochenende gestohlen wird. Doch ich frage mich auch an anderen Tagen im Jahr, wo bloß die Zeit geblieben ist? Auch als Ruheständler ist mein Kalender täglich gefüllt.
Ich bin gerade auf dem Weg zum nächsten Termin, da treffe ich Lisa: "Länger nicht gesehn! Und - geht's dir gut?", spreche ich sie an. Sie schüttelt den Kopf und holt tief Luft: Zu Hause ist gerade alles schwer. Alles hängt an ihr. Ich höre ihr zu. In meiner Jacke macht es "Pling". Eine neue WhatsApp oder E-Mail im Handy. Ich bemerke meine Unruhe und Anspannung. Ich spüre: Lisa braucht gerade ein offenes Ohr. Ich höre zu und denke gleichzeitig, dass ich jetzt gar keine Zeit dafür habe. Einerseits möchte ich meine Termine einhalten. Andererseits will ich für Lisa da sein. Am liebsten würde ich beides machen: Aber dafür reicht die Zeit heut´ nicht. Zeit ist ein sehr kostbares Gut, und ich muss mich immer wieder entscheiden: Was ist mir gerade wichtiger.
Vielleicht hilft dabei ein Blick in die Bibel: Sie hat zwei Worte für Zeit: Chronos und Kairos. Chronos meint die mechanisch messbare Zeit, Sekunden, Stunden, Tage. Kairos meint die erlebte, nicht planbare Zeit. Es sind die besonderen Momente, in denen etwas Entscheidendes passiert. Nur das Jetzt zählt. Ich brauche beides: messbare Zeit, die mir im Alltag Struktur gibt, planbar für Termine und Aufgaben. Und ich brauche den Kairos, die besonderen Momente, die nicht im Kalender stehen, die die Zeit anhalten: Wenn das entscheidende Tor fällt, im Stadion der Jubel ausbricht - und ich stehe mittendrin. Wenn der Morgentau in der Sonne glitzert und diese Schönheit mir die Sprache verschlägt. Wenn ich nach einem langen anstrengenden Tag die Tür öffne, und es duftet schon nach meinem Lieblingsessen. Es ist diese Zeit, die meinem Leben Tiefe gibt. Die mich lebendig macht und mich noch Wochen später erfüllt. Für mich als Christ sind dies Momente, in denen ich Gott spüre. Ich glaube: Es ist Gottes Kraft, die mich so lebendig macht, mich mit anderen verbindet. Und ich mich geborgen und getröstet fühle. Machen kann ich diese Momente nicht. Ich kann nur aufmerksam sein. Dann erlebe ich sie. Doch ich weiß ebenso um meine verpassten Momente. Wo ich nur von einem zum anderen Termin hetze. Alles viel zu viel ist. Die Stunden verfliegen, und mir fehlt der Blick für die kostbaren Momente. Dabei wünsche ich mir mehr davon. Wie schaffe ich in meinem Alltag Platz für Zeit, die nicht planbar ist? Die einfach passiert? Zeit für andere, für mich, für Gott. Eine Zeit wie die mit Lisa, die mir von ihren Sorgen erzählt hat. Ich war zwar unter Zeitdruck. Doch es war ein schöner Moment. Sie hat mir ihr Herz geöffnet. Und ich konnte zuhören. Ich glaube, ihr ging es danach ein wenig besser. Schweres miteinander teilen verbindet uns. Wo wir so verbunden sind, ist Gott nah. Eine kostbare Zeit.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
