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Kirche in WDR 4 | 31.03.2026 | 08:55 Uhr
Verrat
Guten Morgen,
von einem Freund verraten zu werden tut weh. Jesus hat am Ende seines Lebens einen solchen Verrat erlitten. Durch Judas, einem aus seinem engsten Freundeskreis. Judas verrät Jesus für einen lächerlichen Geldbetrag mit einem Kuss. – Ausgerechnet ein Kuss, ein Ausdruck inniger Zuneigung – ist das Zeichen seines Verrates.
Furchtbar ist diese Geschichte und furchtbar ist, dass sie über Jahrhunderte für antisemitische judenfeindliche Hetze missbraucht worden ist. Die Figur des Judas, sein Verrat, seine vermeintliche Geldgier wurden pauschal auf „die Juden“ übertragen. Die Spuren finden sich bis heute in bildlichen Darstellungen der Leidensgeschichte Jesu in zahlreichen Kirchen.
Ich habe mich gefragt, was Judas wohl getrieben hat zu seinem Verrat? Geldgier? Wohl kaum, dafür war der Lohn einfach zu gering. Oder ist er enttäuscht, dass Jesus nicht kämpferischer gegen die verhasste römische Besatzungsmacht vorgeht? Vielleicht. Oder will Judas die Sache beschleunigen und Jesus zum Handeln zwingen, zum Aufstand gegen die Römer? Kann sein.
Letztlich wissen wir nicht, was Judas zum Verrat getrieben hat. Aber ich merke: Je mehr wir ihn brandmarken als den Verräter, lenkt er ab von meinen eigenen Verratsmomenten. Vielleicht will mir die Geschichte ja etwas über mich selbst erzählen. Bin ich denn so viel anders als Judas? Auch ich habe schon jemanden hintergangen. Habe andere bitter enttäuscht. Habe mich von Gott abgewandt, weil ich enttäuscht gewesen bin. Und: Es sterben Menschen – verraten durch meine Art zu leben. Auf Kosten der Ärmsten dieser Welt. Von all dem kann ich mich nicht freisprechen.
Die Geschichte von Judas geht weiter. Als er erfährt, dass Jesus zum Tod verurteilt wird, bereut er sein Tun zutiefst. Er will es wieder gut machen und bringt seinen Lohn zurück und sagt: „Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet, und ich habe ihn verraten.“ (1) Judas bekennt ungeschönt und ohne jede Ausrede seine Schuld. Ich finde, da gehört Größe dazu. Habe ich diese Größe, wo ich sie haben müsste? Ich weiß genau, das ist gar nicht so einfach.
Judas erlebt dann allerdings: Ich kann mein Tun nicht mehr ungeschehen machen. Das Todesurteil über Jesus wird nicht zurückgenommen. Judas ist über das, was er getan hat und die Folgen so verzweifelt, dass er sich das Leben nimmt.
Seine Geschichte berührt mich. Und ich muss an ein Relief denken, das sich an der Säule einer Kathedrale im französischen Burgund findet. Es ist klein und man könnte es leicht übersehen. Auf der einen Seite ist Judas zu erkennen, der sich das Leben nimmt.
Auf der anderen Seite ist Jesus zu sehen. Er hat sich den toten Judas auf seine Schultern gelegt und trägt ihn nach Hause. So wie ein Hirte ein verlorenes oder verletztes Schaf tragen würde. Dieses kleine unscheinbare Relief ist ein unglaublich starkes Bild für die Barmherzigkeit.
Ich brauche wie Judas Jesu Barmherzigkeit. Das ist meine Hoffnung: Er trägt auch mich.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5:)
Es grüßt sie herzlich
Ihr Dietmar Arends aus Detmold.
Quellen
(1) Matthäus 27,4 – Basisbibel
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
