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Kirche in WDR 2 | 08.04.2026 | 05:55 Uhr
Wünsche
Wir sind mitten in der Osterwoche und alles schreit nach Leben – die Natur, in der es an allen Ecken und Enden sprießt, die Osterlieder, die in Gottesdiensten gesungen werden. Da ist jede Menge Halleluja in der Luft. Und in genau deshalb erzähle ich Ihnen heute mal von Aufbrüchen, die stehen am Ende eines Lebens.
Denn all das gehört zusammen. Vielleicht kennen
Sie die Aktion „Wünschewagen“ vom Arbeiter-Samariter-Bund? Bei dieser Aktion
geht es darum, Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen Wunsch zu erfüllen,
in Form eines Ausflugs. Die schwer erkrankten Menschen werden – oft zusammen
mit einem Angehörigen - abgeholt, von zuhause, aus dem Pflegeheim oder dem
Hospiz. Da kommen Ehrenamtliche mit, die sind medizinisch ausgebildet, in der
Regel arbeiten sie hauptberuflich in der Pflege, im Rettungsdienst oder ähnliches.
Und sie bringen einen Wagen mit, der mit allem ausgestattet ist, was eine solch
besondere Fahrt mit einem schwerkranken Menschen braucht. Und dann geht es an
den Wunschort. „Noch einmal ans Meer“ kommt öfter vor. Oder beim Familienfest
dabei sein.
Letztens sah ich in einem
Bericht auf Instagram, dass eine schwer kranke Frau noch einmal nach Hause
wollte, um sich dort von ihren Katzen zu verabschieden. Und einen jungen Mann,
der in den Supermarkt wollte, um dort selbst das Essen aussuchen zu können, das
ihm wirklich gut schmeckt. Wieder eine andere Frau wollte noch einmal in die
Kirche, die für sie schon lange ein wichtiger Ort war, um zu beten und zur Ruhe
zu kommen. Je mehr dieser geteilten Geschichten ich sehe, desto mehr erkenne
ich: bei diesen wirklich wichtigen Wünschen: Da wollen die wenigsten noch mal
den „Grand Canyon“ sehen. Es geht meist ums Gewöhnliche. Darum, Gewohntes noch
einmal ganz bewusst zu genießen – im Wissen, dass das in der Weise bald nicht
mehr möglich sein wird. Das Gewöhnliche wird zum Wunsch. Und da frage ich mich:
Braucht es erst die Sicht auf den nahenden Tod, um zu erkennen, wie bedeutsam
das Alltägliche ist? Oder lässt sich von den Wunschgeschichten dieser Menschen
nicht schon was fürs Hier und Jetzt lernen?
Zwei Lektionen vom Wünschewagen – für mich – in
dieser Osterwoche: Das Gewohnte würdigen. Und damit gleich verbunden: Dankbar
sein. Für das, was ist. Dankbarkeit bekommt im Alltag mitunter nicht die Bühne,
die ihr zusteht. Bei mir zumindest. Ich halte zu vieles für selbstverständlich. Das muss doch auch anders gehen! Geht es. Zum
Beispiel bei meiner Freundin Christiane. Christiane ist jetzt Rentnerin. Und da
sagte sie ihn nochmal diesen Satz, den ich von ihr schon seit langem kenne:
„Für mich war arbeiten nie ein müssen, sondern immer ein dürfen.“ Christiane
hatte – weiß Gott – keinen einfachen Job. Aber: Sie hat sich diesen Blick
erhalten: Arbeit zu haben, ist gar nicht selbstverständlich. Schon gar nicht,
wenn da auch manches stimmt. Und dann auch noch gesund zu bleiben – man selbst
und das Umfeld.
So mancher ist vollauf
mit unbezahlter Arbeit zuhause beschäftigt, kümmert sich um Angehörige und an
Erwerbsarbeit im selbstgewählten Beruf ist nicht zu denken. Das Hier und Jetzt immer
mal ins Ramenpenlicht stellen, nicht mit Dankbarkeit geizen. Das lerne ich von
den Wünschen der Sterbenskranken und auch von meiner Freundin. Das, was heute
langweiliger Alltag ist, könnte schon morgen mein größter Wunsch sein.
