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Kirche in WDR 5 | 29.10.2026 | 06:55 Uhr
Innere Freiheit
Guten Morgen.
Fußball Bundesliga der Herren, es ist der 33. Spieltag in der Saison 2022/23. SC Freiburg im Heimspiel gegen den VFL Wolfsburg.
Nils Petersen wird eingewechselt. Der Mann ist in Freiburg eine Legende. Sein Abschied aus der Liga. Viele wünschen ihm, dass er ein letztes Mal trifft. Und er schafft es: Nach nur fünf Minuten auf dem Platz! Tausende jubeln.
Aber es geht noch weiter: Kurz vor dem Ende schraubt er sich in die Luft, höher als alle anderen. Kopfball – Tor! Wahnsinn. Ein Stadion im Freudentaumel. Das sind die Momente, für den so viele den Fußball lieben.
Da meldet sich aus einem Kölner Keller der VAR, der virtuelle Assistenzschiedsrichter. Das Tor ist nicht gültig. Ein Rempler nur, aber gegen die Regeln. Die Fans sind fassungslos, die Spieler auch. Emotional von plus 10 auf minus 10 in nur einer Sekunde. Niemand hatte protestiert, niemand im Stadion hätte das gewollt. Aber die Maschine hat recht.
Diese Geschichte habe ich aus einem Buch des Soziologen Hartmut Rosa. Darin denkt er darüber nach, dass wir in vielen Bereichen des Lebens immer weniger in “Situationen” sind, in denen wir selbständig handeln können. Und immer öfter in „Konstellationen“, in denen wir ausführen, was Prozesse, Regeln, Programme oder KI vorschreiben. Hartmut Rosa meint, dass wir dadurch das Gefühl haben, die Kontrolle über das Leben zu verlieren.
„Tut mir leid“, hört die alte Dame an der Kasse im Schwimmbad, „ohne Ihr Ticket kann ich Sie nicht reinlassen. Das macht der Computer nicht.“ Und das, obwohl sie jeden Morgen kommt, hier gut bekannt ist und nur heute einmal ihre Dauerkarte vergessen hat.
Oder ein andres Beispiel: Der Mitarbeiter in der Versicherungszentrale darf das Fenster nicht öffnen, wenn es warm ist – aus versicherungsrechtlichen Gründen. Und so weiter und so fort.
Regeln sollen uns Sicherheit geben. Sie schützen vor Willkür. Aber oft ist das, was gut gemeint ist, zu viel oder sogar absurd. Anders gesagt: Aus Sicherheit wird Unfreiheit.
Die Frage ist: Wie kann ich mich frei fühlen, wenn ich doch immer weniger bestimmen kann? In der Bibel finde ich dazu einen ungewöhnlichen Gedanken: Vielleicht besteht Freiheit gerade darin, nicht alles im Griff haben zu müssen. Ich kann nicht immer bestimmen, was mit mir geschieht. Ich kann nicht jedes Scheitern verhindern. Nicht jede Enttäuschung. Und manche Regel kann ich auch nicht ändern. Aber: Dass ich manchmal so machtlos bin oder mich machtlos fühle, kann ich abgeben an Gott. Und das macht innerlich frei.
Das hört sich komplizierter an, als es ist. Es braucht nur ein paar Worte. Zum Beispiel das berühmt gewordene “Gebet der Gelassenheit” des US-Theologen Reinhold Niebuhr.
Es geht so: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.” Sie werden heute sicher eine Gelegenheit haben, das einmal auszuprobieren.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ihr Matthias Kleiböhmer aus Unna.
Quellen:
Rosa, Hartmut: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums, Berlin 2026.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
