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Das Geistliche Wort | 01.03.2026 | 08:40 Uhr
eben schnell...
Eben schnell noch anrufen, eine SMS, WhatsApp, E-Mail schreiben, eben schnell zusagen, absagen, gratulieren, etwas essen, ein Geschenk einpacken. Ich bin wie getrieben – eben schnell. Das kennen Sie sicherlich auch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Ich möchte mit Ihnen heute Morgen die Worte „eben schnell“ bedenken.
Mein Name ist Timotheus Eller, ich bin katholischer Priester, arbeite in der ökumenischen Citykirche Sankt Nikolaus und in der Pfarrei Franziska von Aachen in der Aachener Innenstadt. Vieles von dem, was ich mit „eben schnell“ verbinde, das hat der niederländische Liedermacher Herman van Veen schon 1977 hörbar und erlebbar gemacht und zwar mit dem Lied: „Weg da“.
Musik 1: Herman van Veen und Erik van der Wurff, Weg da
„Schnell, weg da, weg da, weg
Mach’ Platz, sonst gibt’s noch Streit
Wir sind spät dran und haben keine Zeit
Schnell weg da, weg da, weg
Es tut uns furchtbar leid
Wir schaffen’s kaum, der Weg ist ja noch weit
Wir müssen rennen, springen, fliegen, tauchen
Hinfalln und gleich wieder aufstehn.
Wir dürfen keine Zeit verlieren
Können hier nicht stehn, wir müssen gehn"
Schon der hektische Rhythmus des Liedes macht mich nervös. Durch das Lied von Herman van Veen entstehen Bilder in meinem Kopf, etwa so: ein Mensch, mit Einkaufstüten bepackt, bahnt sich einen Weg durch die Menge. Er bleibt irgendwo hängen, Dinge fallen ihm aus der Hand, er bückt sich, hebt nur ein Teil der Sachen auf und hastet weiter. Er entschuldigt sich fahrig, schaut auf die Armbanduhr und telefoniert mit dem Smartphone. Eine groteske, irgendwie bemitleidenswerte Gestalt. Ich finde, dieses Lied aus den siebziger Jahren hat nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, Herman van Veen war seiner Zeit voraus. Er sah eine Entwicklung, die von Jahr zu Jahr schlimmer geworden ist. Wenn „eben schnell“ nicht nur meine Arbeit bestimmt, sondern nach und nach alle meine Lebensbereiche durchdringt. Ich werde getrieben und bin ein Getriebener.
Wie viele Menschen müssen rennen, springen, hinfallen und gleich wieder aufstehen? Und das geht auf Dauer auch an der eigenen Gesundheit nicht spurlos vorüber…
Es führt dazu, dass wir nicht mehr ehrlich mit uns selbst und miteinander umgehen. Wir machen uns etwas vor. Herman van Veen nennt ein Beispiel in seinem Lied: Man tut so, als ob man ein andermal eben doch mehr Zeit hätte, um über Wichtiges zu sprechen. Aber nein, es geht eben schnell schon wieder weiter. Und das hat auch einen Grund.
Musik 2: Herman van Veen und Erik van der Wurff, Weg da
„Ein andermal, sehr gern
Dann setzen wir uns hin
Und reden über Gott, Lotto und die Welt
Na denn, mach’s gut, bis bald
Es hat jetzt keinen Sinn
Wir müssen dringend los, denn Zeit ist Geld
Wir haben kein Minütchen, kein Sekündchen mehr
Wir müssen uns beeilen
Komm, leg’ dazu noch einen Zahn
Es ist für uns die höchste Eisenbahn“
Geht es nur ums Geld? Oder ist Geschwindigkeit ein Selbstzweck? Wenn die Geschwindigkeit, mit der etwas erledigt wird, zum einzigen Qualitätskriterium wird, dann steht eines fest: Wir setzen uns alle immer mehr unter Druck. Hauptsache schnell. Und dann klingt es irgendwie nicht ehrlich, wenn es in dem Lied heißt: „Ein andermal, sehr gern.“ Das ist doch eine leere Versprechung oder eine Fantasie, dass wir uns beim nächsten Mal hinsetzen – will heißen, uns Zeit nehmen, um über Gott zu sprechen. Denn nächsten Mal muss es dann auch wieder „eben schnell“ gehen.
Allein durch die Aufzählung, worüber wir sprechen könnten, nämlich Gott, Lotto und die Welt kommt für mich eine Beliebigkeit zum Ausdruck. Ist doch egal, worüber wir sprechen. Ist eh keine Zeit dafür da. Und so fragt der gehetzte Mensch erst gar nicht: „Wie geht es dir?“ Denn wenn er die Frage ernst nehmen würde, dann müsste er sich für die Antwort etwas Zeit nehmen.
Es gibt aber ganz wichtige Zusammenhänge im Leben, die durch „eben schnell“ absurd werden: eben schnell genießen, eben schnell schlafen, jemanden kennen lernen, um Verzeihung bitten, liebevoll besuchen. Eine Predigt schreiben, einen Gottesdienst feiern. All das geht eben nicht eben schnell!
Aber es muss auch gesagt werden: Natürlich gibt es Situationen, in denen „eben schnell“ geradezu eine Erlösung sein kann. Wenn man stundenlang in einer Schlange steht und es dann heißt: „Wir schließen jetzt!“ und dann ein Verkäufer, oder eine Beamtin sagt: „Ich kann das eben schnell noch für Sie erledigen.“ Da möchte man sie für ihr „eben schnell“ am liebsten in den Arm nehmen. Immerhin, die Beamtin nimmt sich die Zeit für mich und macht sich sogar damit noch zusätzliche Arbeit. In unserem Lied führt „eben schnell“ allerdings zu Rücksichtslosigkeit, Gedankenlosigkeit, ja Lieblosigkeit. Es führt dazu, dass ich in Gedanken immer schon weiter bin: Bei der nächsten Sache, beim nächsten Menschen, bei der nächsten Möglichkeit. Wenn ich aber immer schon weiter bin, dann bin ich außer mir. Und das fällt auch manchmal anderen auf. Die sagen dann: „Du bist ja nicht bei der Sache!“, „Du hörst ja gar nicht richtig zu!“, „Du bist ja immer schon auf dem Sprung!“ Wenn ich solche Rückmeldung bekomme, macht mich das im Nachhinein sehr nachdenklich. Und ich frage mich: Gäbe es vielleicht ein Gegenstück zu „eben schnell“? Mein Vorschlag: „in aller Ruhe“. Also versuchen wir’s einmal.
Musik 3: Ludovico Einaudi, Matches
In aller Ruhe! Das fällt vielleicht gar nicht so einfach, den Modus zu wechseln, weg vom „eben schnell“. Im frühen ägyptischen Mönchtum des dritten Jahrhunderts wurde eine Methode beschrieben, wie ich mein Verhalten und damit meinen Lebensmodus ändern kann. Die Methode heißt: „aggere contra“. Das bedeutet „gegen arbeiten“. Ich suche also ein Gegenstück zu dem, was ich in meinem Leben ändern möchte. Mein Gegenstück zu „eben schnell“ ist dann genau das: „in aller Ruhe“. Dieser Satz erscheint zum Beispiel immer auf meinem Startbildschirm, wenn ich meinen Computer hochfahre. Dadurch werde ich daran erinnert, dass ich „mit Ruhe“ in meine Arbeit starten sollte. Gelingt zugegebenermaßen nicht immer. Ich bin der festen Überzeugung: Bei innerer Ruhe kann ich mit äußerer Unruhe umgehen, kann auf sie reagieren, auf sie einwirken. Ich meine jetzt nicht Ruhe als Geräuschlosigkeit, auch nicht als Gegensatz zu Geschwindigkeit und Dynamik. Ruhe ist für mich eine Herangehensweise: Wenn etwas in Ruhe bedacht wird, dann kann es durchaus schnell umgesetzt werden. Zum Beispiel ein Umzug. Wenn er gut geplant ist – in aller Ruhe eben, dann braucht man idealerweise jedes Umzugsstück nur einmal in die Hand zu nehmen. Eine wichtige Regel besonders, wenn ich auch ausmisten möchte.
Zum Thema „etwas in Ruhe angehen“ fällt mir noch ein anderes Beispiel ein. Es stammt aus dem buddhistischen Mönchtum. Von einem bekannten Lehrer wird nämlich erzählt, wie er eine Gruppe empfängt. Er soll sie in die Kunst der Meditation einführen. Als erstes lässt er die Gruppe 20 Minuten warten. Dann erscheint er und setzt sich vor der Gruppe in aller Ruhe hin und lässt sich einen Tee bereiten. Der Tee wird in aller Öffentlichkeit frisch aufgebrüht. Den trinkt er und dann spricht kein Wort. Ob die Gruppe wohl diese Einführung in die Kunst der Meditation „in aller Ruhe“ verstanden hat? Ich kann mir gut vorstellen, dass schon in der 20-minütigen Wartezeit eine große Unruhe entstanden ist. Und als der Mönch dann auch noch in aller Gemütsruhe seinen Tee trinkt und kein Wort der Erklärung mit Blick auf seine Verspätung sagt, wird das Ganze wohl in Aggression umgeschlagen sein. „In aller Ruhe“ – ist gar nicht so einfach.
Musik 4: Ludovico Einaudi, Fly
„In aller Ruhe“ ist eine Qualität, die ich auch bei Jesus von Nazareth wiederfinde und zwar in der Art, wie er handelt. Da gibt es die großartige Szene, in der ihm eine Frau vorgeführt wird. Sie ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden (Joh 8,1-11). Es baut sich eine ungeduldige Menge vor Jesus auf. Die Frau steht in der Mitte. Das Urteil der Menge steht schon fest: Die Frau muss gesteinigt werden, wie es das Gesetz vorsieht. Die Anführer wollen herausbekommen, ob sich Jesus an die Gesetze hält. Die aufgepeitschte Menge bedrängt Jesus: „Was sagst du?“ Jesus aber bückt sich in aller Ruhe auf den Boden und schreibt mit dem Finger in den Sand. Was für eine kraftvolle Geste, die zugleich einfach und genial ist. Jesus bestimmt das Tempo! Dann richtet er sich in aller Ruhe auf und gib den Menschen zu denken: Er sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster einen Stein auf sie“. Dieser Satz ist im wahrsten Sinne des Wortes entwaffnend; Steine purzeln auf den Boden. Damit hatte keiner gerechnet. Das war keine eben-schnell-Antwort. Es gibt aber in den biblischen Texten noch mehr Beispiele, für die ich mir in aller Ruhe Zeit nehmen möchte.
Musik 5: Ludovico Einaudi, Gravity
Es sind vor allem die Heilungserzählungen, in denen Jesus in aller Ruhe handelt. Da trifft Jesus einen Menschen, der von Geburt an blind war (Joh 9,1-8). Die Zeitgenossen Jesu sehen einen Zusammenhang: Der Mann ist krank, aufgrund von Sünden, die er selbst begangen hat oder bereits seine Eltern. Wer ist hier schuldig? Jesus lässt sich auf diese Fragestellung gar nicht ein, sondern wendet sich in Ruhe dem Blinden zu, denn ihm geht es um den hilfsbedürftigen Menschen und nicht um Rechthaberei. Da der Blinde ja nicht sehen kann, macht Jesus etwas, was jener spüren kann: Jesus vermischt etwas von seinem Speichel mit Sand und macht daraus eine Paste, die er dem Blinden auf die Augen streicht. Dann erst spricht Jesus zu ihm und schickt ihn zum Teich Schiloach, wo der Blinde die Paste abwaschen soll mit dem Ergebnis: Er kann wieder sehen. Die zärtliche Geste, die Paste aufzustreichen, geht dem Wort voraus. In aller Ruhe handelt Jesus. Ein nachvollziehbares Zeichen und eine spürbare Zuwendung an der empfindlichsten Stelle des Blinden führen zur Heilung. Einfach und zugleich kraftvoll!
Ein anderes Mal bringen Leute einen Menschen zu Jesus, der taub ist (Mk 7,33). Die Leute meinen zu wissen, was nun zu tun ist. Jesus soll ihm eben schnell in aller Öffentlichkeit die Hände auflegen. Jesus lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er nimmt ihn behutsam von der Menge weg und gibt auch ihm ein spürbares Zeichen. Er legt seine Finger in seine Ohren und berührt die Zunge mit Speichel. Dann blickt er zum Himmel auf und seufzt. Eins nach dem anderen, in aller Ruhe. Und erst dann kommen die Worte: „Öffne dich!“
Wieder ein anderes Mal versuchen beherzte Menschen einen Gelähmten zu Jesus zu bringen (Lk 5,17-21). Es gibt aber kein Durchkommen. Da sind so viele Menschen im Haus, wo Jesus gerade ist, und auch um das Haus herum. Sie beschließen, auf das Dach zu klettern. An der Stelle, wo sie Jesus vermuten, decken Sie das Dach ab und lassen den Gelähmten auf seiner Bare direkt vor Jesus herunter. Was für eine Szene! Und was macht Jesus? Er reagiert nicht so, wie die Leute es erwarten: eine schnelle Heilung von der Lähmung. Nein. Jesus vergibt diesem Gelähmten seine Sünden. Und als die Menschen mit Unverständnis reagieren, setzt Jesus einen drauf: Jetzt erst heilt er den Gelähmten. Jesus verweist mit seinem Tun „in aller Ruhe“ auf das Eigentliche. Die Heilung muss von innen her geschehen, „in aller Ruhe“. Das ist seine Botschaft!
Schließlich ein Beispiel dafür, dass Jesus bewusst ruhige Orte aufsucht, um in aller Ruhe eine Glaubenserfahrung möglich zu machen (Mt 17,1-9). Er führt drei seiner Jünger auf einen hohen Berg. Dort, weit ab vom Trubel in der Abgeschiedenheit, gewährt er ihnen Einsicht, wer er ist. Es heißt: Jesus verwandelte sich vor ihren Augen und eine Stimme aus dem Himmel bezeugt ihn als den Sohn Gottes. Nicht so eben schnell, sondern in aller Ruhe werden Glaubenserfahrungen möglich.
Musik 6: Ludovico Einaudi, Petricor
In aller Ruhe hat sich Jesus auf sein öffentliches Wirken vorbereitet. Immerhin: 30 Jahre hat er weitestgehend zurückgezogen gelebt, hat ein schweres Handwerk gelernt und ging durch die Schule seiner großen Familie. Er lernte von Vater und Mutter: hinschauen, hinhören, in sich hinein hören und aus der Ruhe heraus zu handeln. Kurz vor Schluss möchte ich noch die letzte Liedzeile von Herman van Veen zu Gehör bringen. Er gibt uns mit auf den Weg, dass es an uns liegt, uns in aller Ruhe Zeit füreinander zu nehmen und nicht alles auf ein anderes Mal zu verschieben. Er tut dies mit einem Augenzwinkern, mit einem humorigen, provozierenden, ironischen Unterton.
Musik 7: Herman van Veen und Erik van der Wurff, Weg da
„Ein ander Mal sehr gern“
Ich wünsche Ihnen nicht eben schnell, sondern in aller Ruhe einen gesegneten Sonntag.
Aus Aachen grüßt herzlich Pfarrer Timotheus Guido Gottfried Eller
Musik 8: Cyndi Lauper, R. Hyman, Time after Time (Miles Davis)
