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Das Geistliche Wort | 31.05.2026 | 08:40 Uhr
„Du hängst mit drin!“ – Dreifaltigkeit ist inklusiv!
Guten Morgen - an diesem Sonntag, der in der katholischen Kirche einen merkwürdigen Namen hat: Dreifaltigkeitssonntag…
Vielleicht mögen Sie ja Theater, so wie ich. Mögen Sie lieber Shakespeare oder Samuel Beckett? Oder Musiktheater? Vielleicht auch die Volksbühne? Ist es die Unterhaltung, die Sie suchen, sind es Emotionen oder gar Provokation? Entdecken Sie in den Stücken eine ganz andere Welt oder Ihre eigene? Ich bin ein Fan vom „epischen Theater“. Vor genau 100 Jahren hat der Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht diesen Begriff geprägt. Und holte damit das, was auf der Bühne passiert, in eine neue Dimension: Weg von den Scheinrealitäten im hermetischen Bühnenraum. Die „vierte Wand“ – die zum Publikum offene Seite – wird radikal durchbrochen. Das Publikum wird ins Spiel mit einbezogen – und mehr noch: Es ist auch thematisch involviert. Dessen konkreten Realitäten zahlen nämlich auf das Stück ein. Denn es geht um die großen gesellschaftlichen Konflikte wie Krieg, Revolution, Ökonomie und soziale Ungerechtigkeit. Das epische Theater macht diese Konflikte durchschaubar und will die Zuschauer dazu bewegen, die Gesellschaft aktiv zum Besseren zu verändern: „Get real“ würde der Engländer sagen. Im epischen Theater können die Zuschauenden sich nicht ausruhen in ihrer Konsumhaltung auf den plüschigen Theatersitzen. Sie werden in die Handlung hineingezogen in dem Maße, wie sie in dem Dargestellten ihre Welt und die eigene Realität entdecken. So sind sie zum „Mitspielen“ in dieser Realität herausgefordert. Durch das „epische Theater“ wollte Berthold Brecht Menschen so betroffen machen, dass sie Stellung nehmen müssen.
Musik 1: Moritat von Macky Messer
Wie
gesagt: Ich bin ein Fan des „epischen Theaters“ und sehe darin große Parallelen
dazu, wie ich Christ sein will in dieser Welt. Als Christ kann ich mich nicht
zurücklehnen in einer Art frommen Plüschigkeit und dem „Welttheater“ zuschauen.
Die Nachfolge Jesu fordert mich: „Get real!“. Immer wieder ruft Jesus zum
Handeln auf. Einmal wagt er sogar einen Vergleich, der könnte fast aus einem
Brecht-Stück stammen:
Mit
wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den
Marktplätzen sitzen und anderen zurufen:?Wir haben für euch auf der Flöte
gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und
ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Mt 11,16f.
Was hier klar wird: Jesus will weg vom Zuschauer-Modus. Christ-Sein ist ein Sich- Einbeziehen-Lassen in die konkreten Realitäten. Und die sind manchmal zum Tanzen – sehr oft leider auch zum Auf-Die-Brust-Schlagen. Weil sie so jämmerlich sind. Dieses „Sich-Einbeziehen“ ist für den christlichen Glauben konstitutiv. So sehr, dass die zentralste christlich-theologische Denkkategorie ohne das „Sich-Einbeziehen“ undenkbar ist. Ich spreche von dem Glauben an die Dreifaltigkeit. Diesem Glauben widmet die Kirche – ich hatte es eingangs erwähnt – heute gar einen eigenen Feiertag. Was bedeutet Trinität – Dreifaltigkeit? Christen glauben, dass der eine Gott von je her in dreifacher Weise ist und in drei „Personen“ der Welt begegnet. Christen sagen: Gott ist „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“. Das sind nur Bilder; man könnte es auch weiblicher umschreiben: als „Mutter“ und als „Geistkraft“. Können wir überhaupt sagen, wie Gott ist? Der große Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin, besteht auf folgenden Einwand: „Von Gott können wir nicht wissen, was er ist, sondern nur, was er nicht ist.“
Also: selbst Thomas von Aquin tut sich schwer damit, die Dreifaltigkeit zu erklären. Aber ich bin überzeugt: Man kann sie erleben, man kann in sie hineingezogen werden. Wenn Gott dreifaltig ist, dann geht das nicht ohne Beziehung. Und wenn Gott Beziehung ist, Liebe, dann sind die Menschen, ist die ganze Schöpfung, Teil dieser Beziehung. Das bedeutet: wenn Gott handelt, sind alle einbezogen in die Handlung, nicht nur staunendes Publikum.
Musik 2:„Et incarnatus es“ – Es-Dur-Messe von Franz Schubert
Es war ein theologiegeschichtlicher Weg, wie sich die Jesus-Bewegung entwickelte aus dem jüdischen Glauben an den einen Gott zu dem komplexen Glaubenssatz: „Ein Gott in drei Personen.“ Denn dieser Glaubenssatz unterscheidet Christen von den monotheistischen „Kindern Abrahams“, Juden wie Muslimen.
Gott
ist der Schöpfer der Welt, der Ursprung von allem. In Jesus von Nazareth sehen
wir Gottes menschliches Gesicht. In Jesus ist Gott ein Mensch geworden. Jesus,
so erzählen es die Evangelisten, hat Zeit seines Lebens aus der engen Beziehung
mit Gott gelebt, seinem „Vater im Himmel“ – wie er ihn nennt. Im Gebet nennt er
ihn sogar zärtlich „Abba“, d.h. „Papa“. Von sich selbst sagt Jesus, dass er
aller Schöpfung vorausgeht:
„Ich bin der
Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega.“,so heißt es im Johannes-Evangelium.
„... durch ihn und auf ihn hin ist alles
geschaffen“,schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde im griechischen
Kolossä. Schon in den ältesten Schriften der Jesus-Bewegung, den Evangelien und
den Paulus-Briefen, ist also klar: Der Sohn Gottes steht am Anfang und am Ende
aller Schöpfung. In Jesus Christus hat sich der Vater vollständig ausgedrückt
und geht doch nicht in ihm auf. Wie das gehen kann? Durch Liebe. Das
Wesen Gottes, so sagt die Bibel an vielen Stellen, ist die Liebe. Das Wesen der
Liebe ist es, sich zu verschenken. In einem Akt der Liebe verschenkt sich Gott
an die Welt - und wird Mensch. In einem Akt der erwiderten Liebe schenkt der
Sohn Gottes sein Leben dem Vater: Er sagt Gottes Reich an und baut es in der
Welt auf. Er verkündet und lebt das Wesen Gottes: die Liebe. Bis in den Tod
hinein geht er diesen Weg und gibt sein Leben: für Gott, für das Reich Gottes,
für die Menschen: Die Menschen werden also hineingenommen in die göttliche
Beziehung der geschenkten und erwiderten Liebe. Die vierte Wand – wenn ich noch
mal kurz in die Sprache des Theaters wechsele - ist zu durchbrechen.
Was heißt das? – Das heißt für mich: Jesus
nimmt uns an seine Seite und zeigt uns seinen Gott, der auch unser Gott ist, so
dass auch wir sagen können: „Unser Vater im Himmel!“
Musik 3:„Gabriellas Song“ Soundtrack „Wie im Himmel“
Jetzt fehlt in diesem „Spiel“ des theologischen Gedankens der Dreifaltigkeit noch der Heilige Geist. Dessen Fest feierten die Christen am vergangenen Wochenende, an Pfingsten, und der Dreifaltigkeitssonntag folgt immer dem Pfingstfest – weil erst der Geist den Gedanken der Trinität komplett macht.
Wie kommt bei der Dreifaltigkeit der Heilige Geist ins Spiel? Die Theologie hat es so versucht: Zwei Menschen, die sich lieben, erleben mitunter, dass ihre Herzen über große Entfernungen und über lange Zeit hin wie durch ein unsichtbares Band verbunden sind. Dieses Band spüren nur die beiden, aber es kann sehr stark sein und sehr beständig. Der Heilige Geist ist das Band der Liebe Gottes, das Jesus um die Menschen legt – um alle Menschen, die das zulassen, eingeschlossen die Toten und die Gottfernen!
Man könnte vom Heiligen Geist auch wie von einem Feuer sprechen, das im Herzen von Menschen brennt, die sich lieben. Erst wenn beide Feuer gefangen haben, entsteht die Beziehung. Wer Feuer fängt, wer sich öffnet für Gottes Liebe, öffnet sich immer auch für den Mitmenschen. Dreifaltigkeit Gottes bedeutet: Gott ist sich nicht selbst genug. Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch. So wird Gott Mensch in Jesus Christus, damit die Menschen ihre göttliche Würde nicht vergessen und missachten.
Und so ist der Glauben an die Dreifaltigkeit insofern „episches Theater“, dass Gott nicht gedacht werden kann ohne Bewegung und Beziehung. Ohne das „Sich-Einbeziehen-Lassen“. Die Menschen und die ganze Schöpfung sind mithineingenommen in diese göttliche Beziehung. Und bei diesem großartig-göttlichen Stück gibt es nicht die Zuschauer-Rolle. Wir sind als Gottes geliebte Kinder gefordert, in der Kraft seines Geistes die Welt mitzugestalten. Uns auf die Welt einzulassen, auf die Höhen wie auf die Niederungen. Ganz konkret. Auch politisch.
Musik 4: Bruce Springsteen, „Streets of Minneapolis”
Wer es mit Gott zu tun bekommt, ist nie nur unbeteiligter Zuschauer. Wo Gottes Geist in die Menschen fährt – die Bibel beschreibt es mit „Sturm“ und mit „Feuer“ – da treibt er sie auf die Straße; da können Menschen plötzlich mitreißend reden, da werden sie rebellisch, kommen ins Handeln und machen Politik! Klar wird das in einem Film; der ist im besten Sinne „episches Theater“: „Das neue Evangelium“ – so heißt der Film von Milo Rau aus dem Jahr 2020. Eine meisterhafte Mischung von Dokumentarfilm, Spielfilm und politischer Aktionskunst. Erzählt wird die Inszenierung der Passionsgeschichte mit einem schwarzen Jesus, der im wirklichen Leben Flüchtlingsaktivist ist und aus Kamerun stammt: Er heißt Yvan Sagnet. Dieser Yvan Sagnet organisierte im Jahr 2011 im Umfeld süditalienischer Tomatenplantagen den bisher größten Streik in der italienischen Landwirtschaft. Der Film „Das neue Evangelium“ inszeniert die Passionsgeschichte Jesu Christi in der Realität dieser Tomatenplantagen. Im süditalienischen Matera, wo seinerzeit Pasolini und Mel Gibson ihre weltbekannten Jesus-Filme gedreht haben, leben heute Hunderte Geflüchtete in überfüllten Baracken vor der Stadt. Während sie auf eine Aufenthaltserlaubnis warten, arbeiten diese Menschen zumeist schwarz auf den nahen Tomatenplantagen. Die Agrarwirtschaft wird hier von mafiösen Strukturen dominiert. Grausame Arbeitsbedingungen unter starker Hitze. Es gibt weder fließend Wasser und Strom noch medizinische Versorgung. Und in genau dieser Situation, die mich an moderne Sklaverei denken lässt, spielt der Passionsfilm „Das neue Evangelium“. Milo Rau, der Regisseur, sagt dazu selbst im Film:
„Ich merkte, dass ich nicht einen Jesusfilm wie Pasolini machen konnte. In der heutigen Zeit kann man keinen Jesusfilm machen, ohne die vorherrschenden sozialen Missstände zu berücksichtigen, und somit auf das Evangelium zurückzukommen und auf die soziale Revolution zu verweisen, für die Jesus steht.“
Was Milo Rau hier über seinen Jesus sagt, das gilt für die Evangelien insgesamt: Man kann die Frohe Botschaft nicht unpolitisch verkünden. Sie führt ins Handeln. – Im Film verschwimmen Dokumentation und Inszenierung, biblische Szenen und politischer Aktivismus, Antike und Gegenwart, seelische und materielle Notstände. Und die Zuschauer werden hineingezogen in die Handlung, nicht zuletzt dadurch, dass am Ende des Films in einem Supermarkt Werbung gemacht wird für Tomatenprodukte aus fairem Anbau in Matera und Umgebung. Yvan Sagnet, der schwarze Jesus, hat dafür in der Realität mit Migranten und Kleinbauern die politische Kampagne „Revolte der Würde“ gegründet. Den Zuschauern wird deutlich: Unser Konsumverhalten hat Konsequenzen, so oder so, und wir sind beteiligt an einer gerechteren Welt oder an den Leidensgeschichten unserer Tage.
Musik 5: “I wish, I knew how, it would feel to be free” Nina Simone
Moderne Sklaverei gibt es nicht nur in Süditalien, es gibt sie auch hierzulande: in der Fleischindustrie, bei den Paketzustellern, in weiteren Branchen. Seit Jahren schon engagiere ich mich im Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ – durchaus streitbar – aber ich kann als Christ nicht anders. Weil ich mein Christ-Sein eben nicht nur als plüschige Frömmigkeit verstehe, sondern als Aufruf zum Handeln.
Dreifaltigkeit ist inklusiv! Wer es mit Gott zu tun bekommt, hängt mit drin. Denn der Gott, der dem Mose am brennenden Dornbusch seinen Namen offenbart, sagt von sich: „Ich bin der Ich-bin-da“. Und das ist dynamisch zu verstehen: „Ich bin da für…“ – „… für die Menschen, für die Schöpfung“. Dieser Gott nimmt Menschen in Anspruch; und er nimmt sie hinein in diese Bewegung. Zuschauer werden zu Handelnden! Wir hängen mit drin, sind Teil der Handlung.
Aus Lengerich grüßt Sie am Dreifaltigkeitssonntag: Pfarrer Peter Kossen
Musik 6: Alan Silvestri: „Forrest Gump Suite”
