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Kirche in WDR 4 | 01.07.2026 | 08:55 Uhr

Er & Sie

Ich erinnere mich noch gut an diese Frau aus eine der Gemeinden, in denen ich Seelsorgerin war. Sie ging regelmäßig sonntags in den Gottesdienst, schon ihr Leben lang. Und irgendwann, das ist jetzt gut 20 Jahre her, da war sie es leid, in den Lesungen nur von „Brüdern“ zu hören. „Brüder“ hier, „Brüder“ da. Und die Schwestern? Sie wollte nicht mehr übersehen werden im Gottesdienst. Gerade weil das so sehr ihrem Glauben widersprach. Sie glaubte fest - und das auch mit reichlich Belegen aus der Bibel – dass Jesus Frauen ebenso wichtig waren und sind, wie Männer. Nach Absprache mit der Gemeindeleitung hat sie dann mit Bleistift die Schwestern dazugeschrieben - in alle Vorlesebücher in der Kirche fein säuberlich, wo immer sie fehlten. Was für ne Arbeit! Aber: Es ist halt Arbeit, dass wir das aus unseren Köpfen bekommen, dass nicht nur die Männer gemeint sind: in der Kirche, in der Gesellschaft.

Noch immer sind etliche Frauengeschichten unerzählt und übersehen. Ob Wissenschaftlerinnen, deren Entdeckungen Männern zugeschrieben werden, Frauen der Bibel, deren Namen nicht mal benannt sind. Es gibt und gab etliche Künstlerinnen, Arbeiterinnen, Familienmanagerinnen, deren Leistungen nie wirklich gesehen und anerkannt wurde oder werden. Wissen Sie wer unsere erste Ministerin war? Gleich nach dem Krieg: Christine Teusch. Katholikin. Hat 40 Jahre einen großen Wohlfahrtsverband geleitet. Christine Teusch wurde die erste Kultusministerin in Nordrhein-Westfalen. Vieles von unserem Bildungssystem geht auf sie zurück. Adenauer? Der wollte sie als Ministerin verhindern. „Tristine Keusch“ nannte er sie nur, weil sie unverheiratet war. Auch das kann „frau“ mal erzählen, im Adenauer-Jahr.

Dieses Beispiel ist schon ewig her und dennoch gilt bis heute: Da muss noch immer einiges verrückt werden, bis Frauen und Männer gleichermaßen gesehen werden. Und dieses ins Licht rücken geht auf ganz verschiedene Weise. Eben auch durch Sprache. Indem wir Frauen direkt ansprechen, statt sie mitzumeinen. Ich selbst versuche das. Und ich bin dabei nicht immer konsequent. Aus alter Gewohnheit erzähle ich, dass ich mich am Wochenende mit Freunden getroffen habe, obwohl die Hälfte der Anwesenden Frauen waren.

Ich will hier damit nicht Sprachpolizei spielen. Auch nicht mir selbst gegenüber. Mir geht es um Achtsamkeit. Weil ich Menschen nicht ausschließen möchte. Sehen möchte. Dafür bin ich ja Seelsorgerin, Christin. Daher spreche ich mittlerweile öfter auch das Gendersternchen. Also sowas wie: Freund*innen. Und ich weiß, spätestens jetzt stehen einigen die Nackenhaare hoch. Weil das für sie schräg klingt. Unvertraut, überflüssig. Weil das so politisch aufgeladen ist und manche eben doch die Sprachpolizei wittern. Manchmal höre ich: „Ich möchte nicht dazu gedrängt werden, so zu sprechen.“ Das verstehe ich. Ich will weder drängen noch Zeigefinger erheben. Ich möchte es machen, wie einst die Frau in der Gemeinde. Die mit Bleistift die „Schwestern“ eingeschrieben hat in die Gottesdienst-Bücher. Ich versuche einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, uns Frauen auch sprachlich aus dem dunklen „Mitgemeintkeller“ ins Licht zu holen. Alle gehören ins Licht.


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