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Kirche in WDR 5 | 07.01.2026 | 06:55 Uhr
Gott liebt mich, wie ich bin?
Guten Morgen!
„Gott liebt jeden Menschen so wie er ist.“ Das habe ich schon in manchen Predigten gehört. Oder auch: „Gott nimmt dich so an, wie du bist.“ Es ist doch auch wirklich entlastend und befreiend: Gott ist die Liebe, und deshalb liebt er auch mich. Egal, wie ich bin.
Aber Moment mal. Stimmt das wirklich – egal, wie ich bin? Und wenn ich ein Ekel bin, das seine Mitmenschen terrorisiert; ein Egoist, der nur auf den eigenen Vorteil aus ist und sich wie ein Trampel verhält? Schlimmer noch: Liebt Gott auch einen Verbrecher, der anderen unsägliches Leid zufügt? Einen Nazi, einen Rassisten, der andere verprügelt, nur weil sie eine dunkle Hautfarbe haben? Liebt Gott auch so einen?
Dazu eine kleine Geschichte:
Die Mutter ist entsetzt. Sie sieht, wie ihr Sohn im Garten ihre Blumen abreißt. Zornig rupft er an den gelben Blütenblättern, zieht an den Stängeln, wirft sie hin und trampelt darauf herum. Der Mutter ruft laut und erschrocken: „Was machst du denn?“, rennt hin und hält ihren Kleinen mit Mühe davon ab, sein Zerstörungswerk fortzusetzen. So viel Liebe und Sorgfalt hat sie auf ihre prächtigen Narzissen verwendet, hat sich gefreut, als sie blühten. Gestern erst hatte sie ihrem Sohn noch eine Blumenzwiebel gezeigt und gesagt: „Guck mal, aus so einer Zwiebel sind die ganzen schönen gelben Blumen gewachsen.“ Und jetzt das. Es tut ihr weh.
Das Kind spürt, dass die Mutter an ihren Pflanzen hängt. Aber etwas hat den Jungen empört, jetzt will er seinen Zorn an den Blumen auslassen.
Die Mutter ist klug. Sie macht ihrem Sohn deutlich: Was du da getan hast, finde ich furchtbar, tu es bitte nicht nochmal! Zugleich aber lässt sie ihn spüren: Du bist mein liebes Kind. Darauf kannst du dich trotz allem verlassen. Nicht dich finde ich schrecklich, sondern dass du die schönen Blumen zerstört hast.
„Gott liebt jeden Menschen so wie er ist.“ Da will ich unterscheiden: zwischen dem, was ein Mensch tut und dem, was er ist. So wie die Mutter des kleinen Jungen, der Blumen ausreißt, die sie gepflanzt hat. Wenn einer so etwas tut, schlimmer: Wenn einer seine Mitmenschen drangsaliert und quält, dann liebt Gott dieses Verhalten ganz und gar nicht. Dennoch bleibt selbst das widerlichste Ekel Gottes geliebtes Kind. Gott liebt unbedingt jeden Menschen, aber nicht unbedingt seine Taten.
Das ist manchmal schwer zu begreifen. Wie kann ein eiskalter Mörder oder ein brutaler Gewalttäter Gottes geliebtes Kind sein? Und doch: Jeden Menschen hat Gott nach seinem Ebenbild geschaffen und ihm seine Würde gegeben. Dass sich ein Verbrecher ändern kann, ist nach menschlichem Ermessen oft undenkbar. Aber ich glaube: Gott kennt Mittel und Wege, das Undenkbare möglich zu machen. Die Unterscheidung zwischen dem, wer du bist und dem, was du tust – die gibt die Freiheit, der oder die zu werden, die Gott gemeint hat. Trotz allem.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3-5:)
Dass Sie diese Unterscheidung heute machen können, wünscht Ihnen Ihr Andreas Duderstedt aus Lemgo.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
