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Das Geistliche Wort | 12.04.2026 | 08:40 Uhr
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Vollreinigung für die Königin
Autorin: So hat die Empore in der Kirche noch nie ausgesehen! Da, wo sonst die Orgel steht, ist nur noch ein leeres Gehäuse zu erkennen. Davor, auf langen Tischen, auf dem Fußboden, auf Brettern, liegen sämtliche Orgelpfeifen, fein säuberlich nach Größe und Sorte geordnet. Über 800 sind das, die kleinsten sind nur wenige Zentimeter groß, die größten über zwei Meter lang. Das lässt schon ahnen, dass es hier um ein sehr vielseitiges Instrument mit vielen Klangfarben geht. Darum nennt man die Orgel auch die „Königin der Instrumente“, weil sie die Klänge vieler anderer Instrumente in sich vereint. Sie kann kräftig und tief klingen wie eine Tuba und zart und hoch wie eine Piccoloflöte. Aber auch eine Königin muss gelegentlich gereinigt werden. Zum Glück nicht jeden Morgen, aber doch so alle 30 Jahre schon. Denn es lagert sich Staub ab, das Material der Pfeifen ermüdet, kleinere und auch größere Schäden müssen ausgebessert werden. Also haben die Mitarbeiter einer Orgelbaufirma das gesamte Instrument in seine Einzelteile zerlegt und reinigen es jetzt erst einmal, zum Teil sogar mit der Zahnbürste. Ich frage Orgelbauer Axel Birnbaum, was für ihn so faszinierend an der Orgel ist:
O-Ton 1: Axel Birnbaum
Weil das Instrument sehr vielseitig ist in Gänze, also wir haben unendliche Klangmöglichkeiten und auch meines Wissens das einzige Instrument, das das darstellen kann im analogen Bereich. Zudem ist eine Orgel, jede für sich, immer ein Einzelstück und wird immer an den Raum individuell angepasst und ist somit klanglich nicht so wie jede andere, die in der nächsten Kirche quasi steht.
Musik 1: Toccata und Fuge d-Moll, BWV 565,
Komposition: Johann Sebastian Bach; Interpret: Aaron Becker; Label: ? Aaron Becker © Klassische Musik; LC: unbekannt
Autorin: Klar, viele verbinden mit Orgelmusik erst einmal „die“ Toccata von Johann Sebastian Bach. Ein großartiges Stück! Bach hat viele Toccaten geschrieben, und die Kompositionen, die es für Orgel gibt, reichen vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart. Viele von ihnen klingen faszinierend anders als der „Klassiker“ von Bach. Orgel? Wie funktioniert die eigentlich? Sehr vereinfacht kann man sich das Instrument so vorstellen wie eine Reihe von der Größe nach angeordneten Blockflöten. Sie stehen auf dem Kopf. Von unten wird Luft, bei der Orgel heißt das Wind, hineingeblasen, und je länger die Flöte ist, desto tiefer ist der Ton. Welchen Klang er hat, das hängt zum Beispiel vom Material ab. Orgelpfeifen können aus Holz oder Metall sein, und auch der Durchmesser spielt für den Klang eine große Rolle. Hirosuke Toshikura aus Japan macht seine Ausbildung zum Orgelbauer. Was lernt man da alles?
O-Ton 2: Hirosuke Toshikura
Also, die Ausbildung ist sehr vielseitig, man lernt Holzbearbeitung, Metallbearbeitung, aber auch Akustik, und dann ist auch wichtig, dass die, dann ist auch die musikalische Seite wichtig, und man lernt auch, wie man Orgel stimmt oder auch intoniert.
Autorin: Dass die Töne zueinander passen und dass der Gesamtklang zum Raum passt, das ist die Kunst, verstehe ich. Das Wort Orgel kommt aus dem Griechischen. Organon heißt so viel wie Werkzeug, Instrument, aber auch unser Wort Organ hat dort seinen Ursprung. Für mich schwingt in diesem Namen etwas Handwerkliches, aber auch etwas Lebendiges mit. Im 3. Jahrhundert vor Christus gab es die ersten orgelähnlichen Instrumente, Hydraulis genannt, bei denen der gleichmäßige Luftdruck mit Wasserdruck erzeugt wurde. Die Römer übernahmen sie und untermalten Darbietungen in der Arena oder auch ihre Gelage mit Orgelmusik. In Byzanz, dem Zentrum der östlichen Kirchen, wurden Orgeln auch bei kaiserlichen Zeremonien eingesetzt, und von da war der Weg nicht weit zum gottesdienstlichen Gebrauch. Von diesem ursprünglichen Instrument gibt es einen Nachbau; und so hört er sich an:
O-Ton 3: Improvisation auf Hydraulis, Justus Willberg
(www.emaproject.eu; EMAP Press
Downloads)
Autorin: In Westeuropa bekamen die Orgeln zumindest in den großen Bischofskirchen bald ihren festen Platz. Im ausgehenden Mittelalter waren sie das Hauptinstrument in der Liturgie. Natürlich wurden sie ständig technisch und auch vom Umfang her weiterentwickelt. Karl der Große bekam im 9. Jahrhundert eine kleine tragbare Orgel mit nur einer Pfeifenreihe geschenkt. Innerhalb der folgenden 1000 Jahre wurden daraus Instrumente mit mitunter fünf Manualen und umfangreichen Werken, also Bereichen, in denen die Pfeifen aufgestellt sind. Manche dieser Werke befinden sich inzwischen weit entfernt vom Spieltisch an einer anderen Stelle der Kirche, sodass sich die Zuhörer gleichsam in der Orgel, im Klangraum befinden. Gespielt wird die Orgel mit Händen und Füßen, es gibt also auch für die Füße eine Tastenreihe, die genauso gebaut ist wie eine Klaviertastatur, nur eben größer. Über die Jahrhunderte haben sich regional ganz unterschiedliche Klangvorstellungen im Orgelbau abgebildet. Eine französische Orgel aus dem 19. Jahrhundert hat völlig andere Pfeifensorten und damit auch Klangfarben als ein Instrument, das in Norddeutschland steht und aus der Barockzeit stammt. Längst hat auch die Digitalisierung Einzug gehalten, bis hin zu Orgeln, die ganz ohne Pfeifen auskommen, weil die Klänge jeder Pfeife digital gespeichert wurden und dann jeweils abgerufen werden. Zu hören ist der Unterschied zu einer „echten“ Pfeifenorgel nach meinem Empfinden allerdings doch. Die UNESCO hat 2017 Orgelbau und Orgelmusik in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.
Musik 2: Suite Gothique op 25, Satz IV Toccata,
Komposition: Léon Boellmann, Interpret: Peter Hurford; Album: Great Organ Masterworks; Label: Decca; LC: 00171
Autorin: Geblieben ist durch alle Entwicklungen hindurch der Grundgedanke, dass aus vielen individuellen Einzelstimmen ein großes Ganzes wird. Deshalb wird die Orgel auch als Sinnbild für die Gemeinschaft der Glaubenden verstanden. Wie die Luft, also der Wind, bei der Orgel die Pfeifen zum Klingen bringt, so bewegt der Geist Gottes die Menschen, gibt ihnen eine Stimme, macht sie zu einer Gemeinschaft. Gleich am Anfang der Bibel beschreibt eine der Schöpfungserzählungen sehr berührend, wie Gott den Menschen aus Lehm formt und ihm dann seinen Lebensatem in die Nase bläst. Der Mensch ist also einerseits erdverbunden und auch vergänglich, andererseits erinnert ihn jeder Atemzug daran, woher er eigentlich stammt und wer ihm das Leben gegeben hat. In der Pfingstgeschichte, die von der Entstehung der ersten christlichen Gemeinde erzählt, heißt es dann so:
Sprecher: Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. (Apg 2, 1-4, Luther-Übersetzung 2017)
Autorin: Die Menschen in Jerusalem staunen, denn sie erleben, dass sie einander verstehen, obwohl sie aus ganz verschiedenen Sprachen und Kulturen kommen. Gemeinschaft entsteht, Menschen finden zusammen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Ob jemand arm ist oder reich, spielt keine Rolle mehr, im Gegenteil: Die ersten Gemeinden beginnen, das, was sie haben, miteinander zu teilen. Sie kümmern sich darum, dass Menschen in Not unterstützt und von der Gemeinschaft mitversorgt werden. Sie finden zusammen, wenn sie Gottesdienst feiern und Gott mit ihren ganz unterschiedlichen Stimmen loben. Sicherlich ist das, was die Bibel hier beschreibt, auch hoffnungsvoll idealistisch. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Menschen über die Jahrhunderte vom Geist Gottes zu Dingen bewegt worden sind, die gut für andere waren und es bis heute sind. Zugleich frage ich mich: Warum gibt es in der Kirche auch viele Konflikte, Spaltungen und Misstöne? Mich macht das oft traurig, und es beschämt mich auch. Mir fällt die Reinigung und die Reparatur unserer Orgel wieder ein. Nötig geworden war sie, weil die Windanlage kaputt war. Wo kein Wind ist, kommen auch keine Töne mehr. Wenn dieser zentrale Bestandteil der Orgel, sozusagen ihr Herz, ausfällt, ist sie tot, dann ist sie unbrauchbar. Und wenn Christinnen und Christen vergessen, dass es Gottes Kraft ist, aus der sie leben? Wenn sie stattdessen darauf verfallen, dass sie alles allein tun können und müssen? Die Welt verändern? Die Finanzlage sanieren? Die Kirche retten? Der Anblick dieser vorübergehend stillgelegten Orgel lehrt mich, dass das das Wichtigste ist: Auf Gottes Geist, auf seine Kraft und seine Inspiration zu vertrauen. Das befreit davon, sich auf die eigenen begrenzten Möglichkeiten zu fixieren.
Musik 3: „Ach bleib mit deiner Gnade“ / „Über den Wolken“ (Medley)
Melodie:
bei Melchior Vulpis, 1609; / Melodie: Reinhard Mey
Interpret: Johannes Pöld (Orgel), eigene Aufnahme
Autorin (overvoice ab etwa der Hälfte): An der in ihre Einzelteile zerlegten Orgel sehe ich: Jede Pfeife, jede Stimme hat ihren Platz. Keine ist wichtiger oder wertvoller als die andere, auch wenn die Materialien und die Größe durchaus unterschiedlich sind. Der zarte, hohe Ton wird genauso gebraucht wie der kräftige, tiefe. So wie hier: Die tiefen Töne spielen einen alten Choral: „Ach bleib mit deiner Gnade“. Und die hohen Reinhard Mays „Über den Wolken“
Musik 3 freistehend
Autorin: So ist das in der Gemeinschaft der Glaubenden auch. Herkunft, Ansehen, Wohlstand sind verschieden, aber sie sind kein Wertmaßstab. Das wünsche ich mir oft, dass wir das deutlicher sehen können: Jede Stimme wird gebraucht, kein einziger Mensch ist überflüssig in dieser Gemeinschaft. Denn dazu ist sie da: Um gegen Unrecht die Stimme zu erheben. Um Menschen zu trösten. Um Gott zu loben. Und dazu ist der Gesamtklang nötig, nicht bloß ein Torso. Ich erlebe oft, dass Menschen denken: Kirche? Was soll ich da? Was kann ich da schon machen? Oder weiter gefasst: Gesellschaft und Demokratie? Wo werde ich denn da gehört oder gar gebraucht? Das geht auch ohne mich. – Eben nicht. Ich glaube, dass Gott auf die Vielstimmigkeit und Schönheit und Kraft seiner Schöpfung setzt. Wenn er das bei den Vögeln schon so gemacht hat, warum nicht auch bei den Menschen? Und wer sagt, dass bei einer Gemeinschaft nicht gerade auch die kritischen Stimmen nötig sind? Solche, die eben nicht immer schon dabei waren. Danach sehne ich mich, dass Menschen den Mut haben, ihren Platz einzunehmen, auch wenn sie von sich selbst denken, dass sie gar nicht so viel einbringen können. Das gilt nicht nur für unsere Kirche, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Zum Glück habe ich auch das schon öfter erlebt, dass jemand irgendwann begriffen hat: Ich werde hier gebraucht. Genau ich. Mit meiner Lebenserfahrung, mit meinen Fragen, mit dem, was ich kann. Wenn ich Teil dieser Gemeinschaft bin und meinen Platz einnehme, verstärke ich das, wofür sie steht: Dass die Liebe stärker ist als der Hass. Dass Gerechtigkeit keine Frage der Lautstärke ist. Dass jeder einzelne Mensch seine Würde und sein Recht auf Leben hat.
Musik 4: „Komm Heiliger Geist, Herre Gott“
Komposition: Dietrich Buxtehude; Interpretin: Bine Katrine Bryndorf; Album: Buxtehude: The Complete Organ Works; Label: Dacapo; LC: 02213
Autorin: Nach fast sieben Wochen ist die Orgel gereinigt, repariert, fachgerecht wieder zusammengesetzt und klingt schöner als je zuvor, das nehmen die Gottesdienstbesucher und -besucherinnen deutlich wahr und freuen sich. Axel Birnbaum, der Orgelbauer, packt seine Werkzeuge zusammen und bereitet die Abreise vor. Ich frage ihn, ob er auf besonders schöne Erfahrungen in seinem Berufsleben zurückblicken kann.
O-Ton 4: Axel Birnbaum
Ja, aufgrund dessen, dass unsere Firma weltweit tätig ist, gibt es so einige Erlebnisse wie zum Beispiel in Westaustralien, da gabs ein Projekt an der Schule. Da sind wir dann zum Ende eingeladen worden, und jeglicher Mitarbeiter, der halt an diesem Projekt beteiligt war, der wurde dann „überflogen“, eingeladen auf Kosten der, des Projektgebers und hat dann eine große Festveranstaltung gemacht. Genauso wie in Südengland ein Großprojekt in einer privaten Schule. Da gabs auch ein großes Fest zum Abschluss. Das ist natürlich sehr besonders, weil es auch in der Weihnachtszeit war.
Autorin: Ein großes Fest feiern, wenn alle Stimmen zusammengefunden haben, wenn so viele Menschen wie möglich entdecken, welche Stimme Gott ihnen gegeben hat und wo in der Gemeinschaft ihr Platz ist, das ist ein Traum, den ich in mir trage. Ich halte daran fest, auch wenn jetzt noch viel dagegenspricht. Ein Fest feiern mit allen Stimmen, manchmal denke ich, dass jedes Lied, mit dem wir Gott loben, schon ein bisschen von dieser Festmusik in sich hat.
Musik 6: „Lobe den Herren“
Melodie: geistlich, Stralsund 1665;
Choralvorspiel Johannes Pöld, Interpret Johannes Pöld (Orgel), eigene Aufnahme
Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
