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Kirche in WDR 4 | 17.10.2026 | 08:55 Uhr
Momente verändern
Guten Morgen,
„die schönste Erinnerung für mich ist die Geburt meines Sohnes“. Das steht an einer Pin-Wand bei der Ausstellung „MAMA“ im Kunstpalast in Düsseldorf. Ich kann das gut nachvollziehen und würde sogar noch weiter gehen. Für mich ist die Geburt meines ersten Kindes mehr als eine schöne Erinnerung. Sie war eine existentielle Erfahrung. Nie zuvor bin ich so total beansprucht worden, körperlich und seelisch. Nichts zuvor hat mich so ganzheitlich verändert. Umwälzend war das. Es ist nun schon viele, viele Jahre her. Ich kann das Gefühl aber noch genau abrufen. Die Geburt durchlebt zu haben und dann meinen Sohn, dieses kleine Wesen, in den Armen zu halten, hat in mir nochmal ganz andere Saiten zum Klingen gebracht, hat was ich fühle, denke und was mir wichtig ist in meinem Leben, so sehr beeinflusst. „Jede erste Erfahrung hat das Potential, unser Leben komplett zu verändern“ (1), meint Professor Fritz Breithaupt, Kognitions- und Literaturwissenschaftler an der University of Pennsylvania. Er erforscht, wie Menschen Erfahrungen machen. Und besonders eben diese ersten Male - wie die Geburt des ersten Kindes. Interessant ist: Professor Breithaupt beschreibt so eine erste Erfahrung mit dem Erlebnis, das der Apostel Paulus gemacht hat, von dem in der Bibel die Rede ist. Der ist Jude und verfolgt die Christen damals. Doch dann passiert etwas – er erkennt mit einem Mal, dass Jesus Gottes Sohn ist. Wie ein Blitz ist diese Erkenntnis bei ihm eingeschlagen. Danach hat er eine fundamentale Kehrtwende hingelegt vom Christenverfolger zum christlichen Missionar, ist sprichwörtlich vom Saulus zum Paulus geworden. Eine Erfahrung von Transzendenz nennt Professor Breithaupt solche Erlebnisse, solche ersten Male. Sie haben eine religiöse Dimension, als wenn jemand von da oben ruft. Das können gute oder schlechte Erfahrungen sein. Denn ob ein Erlebnis eine gute oder schlechte Erfahrung ist, entscheiden wir selbst, so Breithaupt. Dabei kommt es darauf an, wie wir ein Erlebnis verarbeiten. Überhaupt wird es nur zu einer Erfahrung, die uns prägt, wenn wir es in irgendeiner Form in unser Leben einbauen. Und jeder Mensch, so der Professor, kann immer wieder solche lebensverändernden Erfahrungen machen.-Aber vielleicht will ich gar nicht ständig mein Leben umkrempeln oder wieder neu erfinden, denke ich. Sicher. Und: Umgekehrt kann es sein, dass ich in einer langweiligen Routine drinstecke und da gerne ausbrechen will. Dazu ist es gut, mal wieder erste Erfahrungen zu machen. Etwas Neues auszuprobieren. Muss ja nicht gleich was Extremes sein - wie Paragliding oder auf den Mars zu fliegen. Es könnte auch etwas Unspektakuläres sein, das ich aber schon lange Mal ausprobieren wollte. So kann ich vielleicht zu einer neuen Berufung finden. Mein Leben wird durch jede dieser Erfahrungen reicher. Und klar, manchmal bin ich so in den Alltag eingebunden, dass einfach keine Zeit für so was ist. Da – so meint Professor Breithaupt - hilft es wohl auch, einfach mal mit interessanten Menschen zu reden und an deren ersten Erfahrungen teilzuhaben.
Oder sogar schon, sich in einen Roman zu vertiefen und Erfahrungen im Kopf zu machen. Alles das lässt einen das Leben in seiner ganzen Fülle wahrnehmen und hinter allem auch den, der seinen Menschen das alles schenkt, Gott.
Immer mal wieder erste Erfahrungen und einen gesegneten Tag wünscht Ihnen
Ihre Barbara Schwahn, Krefeld.
(1) Die Zeit Nr. 33, Christ und Welt vom 30.07.26, Seite 14.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
