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Kirche in WDR 5 | 04.07.2026 | 07:55 Uhr
Quo vadis, Amerika?
Morgens, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Bilder oder auch Gedanken. Heute bin ich in Gedanken in Amerika, genau genommen in den Vereinigten Staaten. Heute feiern sie dort den Independence Day. In diesem Jahr zum 250. Mal. 1776 wurde die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet. Ein großes Wort steht über diesem Anfang: FREIHEIT.
Für viele Menschen in Europa war Amerika lange mehr als ein Land auf der anderen Seite des Atlantiks. Amerika war eine Verheißung. Weite. Aufbruch. Selbstbestimmung: Freiheit eben. Der »American Way of Life« versprach: Du kannst dein Leben in die Hand nehmen. Du musst nicht sein, wie andere dich haben wollen.
Und aus Europa haben viele nach dem Zweiten Weltkrieg deshalb mit Dankbarkeit auf Amerika geschaut. Wir denken an Demokratie. An Befreiung. An Partnerschaft. An einen Verbündeten, auf den man sich verlassen kann. Oder müssen wir inzwischen sagen: verlassen konnte? Viele sind irritiert. Wie verlässlich ist Amerika noch? Ja, wie tragfähig sind überhaupt alte Bündnisse? Was geschieht, wenn ein Land, das vielen als Kopf der freien Welt galt, selbst zerrissen wirkt? Quo vadis? Amerika, wohin gehst du?
Dabei liegt in dieser amerikanischen Gründungsidee mehr als nur der Traum von persönlicher Freiheit. Die Unabhängigkeitserklärung sagt: Freiheitsrechte müssen gesichert werden. Durch eine Ordnung, die ihre Macht aus der Zustimmung der Regierten empfängt. Freiheit braucht Vertrauen. Regeln. Maß. Eine Form des Zusammenlebens, in der nicht einer alles an sich zieht und die anderen nur noch folgen sollen.
Hier kommt mir überraschenderweise der Apostel Paulus in den Sinn. Denn der denkt Gemeinschaft wie einen großen Leib: viele Glieder, viele Aufgaben, viele Gaben. Keiner kann alles. Keiner kann nichts. Das Auge braucht die Hand. Der Fuß braucht das Ohr. Der ganze Leib lebt nur, wenn die Glieder zusammenwirken.
Ausgerechnet an die Römer, die damals in der Welt das Sagen hatten, schreibt Paulus: „Wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber als Einzelne sind wir Glieder, die zueinander gehören.“
Dieses Bild fällt mir heute Morgen ein. Weil Amerika doch im Grunde genau dafür steht: für die Idee, dass Verschiedene zusammengehören. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Überzeugung und Geschichte. Vielleicht ist das die Botschaft des 4. Juli:
„Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Denkens“ (Röm 12,2), sagt Paulus. Was für ein Wunsch auch heute noch — nicht nur für Amerika.
Ludger Verst aus Köln
