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Das Geistliche Wort | 14.06.2026 | 08:40 Uhr
Glaube kommt vom Hören
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, das, was Sie heute morgen machen, ist eigentlich etwas altmodisch. Sie hören Wort-Radio. Und das sogar bestenfalls gut 20 Minuten. Gut, die Texte des Geistlichen Wortes werden hier und da durch musikalische Beiträge unterbrochen. Dennoch sind es gut 20 Minuten, die Sie sich am Sonntagmorgen Zeit nehmen und mir zuhören. Und das erfordert bisweilen etwas Anstrengung. Keine Bilder, die das Gesagte unterstreichen und illustrieren. Keine untermalende Musik. Nur die Stille des Sonntagmorgens – und das, was sie sonst noch so umgibt. Eine konzentrierte Atmosphäre, konzentriert auf das Hören und das Wort. Das ist es, was den allermeisten Menschen heute so unsagbar schwerfällt.
Konzentriertes Zuhören fällt umso
schwerer, als die restliche Zeit unter Dauerbeschallung musikalischer oder
optischer Art leidet. In manchen Wohnungen gibt es kaum einen Raum, der keinen
Fernseher, keinen laufenden Computer oder einen Lautsprecher hat. Und das
Smartphone läuft ja eh immer mit. Es muss ständig etwas passieren. „Bloß nichts
verpassen…“ – das kann zur Sucht werden, die schon viele Menschen krank gemacht
hat. Umso
mehr möchte ich heute mal über das Hinhören nachdenken. Auch in den leisen
Tönen.
Musik 1: Erik Satie Gymnopédie No.1
„Hören in die Stille“ hat etwas Faszinierendes, ermöglicht eine Konzentration, die sonst kaum noch möglich ist. Nebenbei ein gutes Training für den Alltag. Deshalb ist diese Sendung auch so eine Art Achtsamkeitsübung: etwas stiller werden, zu-hörender. Komplette Stille geht im Radio natürlich nicht. Eine eindrucksvolle Erfahrung von Stille hatte ich ausgerechnet beim Besuch der NS-Dokumentationsstätte „Obersalzberg“ in Berchtesgaden. Wir waren dort mit dem Ferienlager unserer Gemeinde. Auf dem Obersalzberg gibt es nach wie vor unterirdische Bunkeranlagen, die besucht werden können. Und in einem Seitenstollen, tief unter der Erde, betritt man einen fast schalltoten Raum. In den ersten Momenten hört man sogar den eigenen Atem und den eigenen Herzschlag. Und in diese Stille, die nach dem Touristentrubel draußen einerseits wohltuend, andererseits aber unangenehm bis beklemmend ist, hört man schon bald eine leise Stimme, eine historische Tonbandaufnahme. Sie stammt von einem deutschen, jüdischen Mädchen, das nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager von einem amerikanischen Vernehmungssoldaten nach dem alltäglichen Leben in dieser Schreckenseinrichtung der Nationalsozialisten befragt wird. Das Mädchen erzählt ruhig, fast leidenschaftslos vom Alltag im KZ. Als ob es das selbstverständlichste Leben dort gewesen wäre. Die Eindrücke, die bis hin zu Schilderungen von Todesmärschen und Hinrichtungen gingen, werden einfach so heruntererzählt. Und man spürt in diesen gut 20 Minuten, wie in einem selbst ganz langsam das Grauen aufsteigt. Man erfährt sein eigenes Schweigen als bedrückend, will nach dieser Sequenz einfach nur noch raus aus diesem Stollen. Ich weiß noch, dass die Jugendlichen aus dem Ferienlager sehr lange brauchten, um überhaupt wieder ein Wort herauszubekommen. Mir selbst ging es nicht anders. Hören in die Stille – Zuhören einer leisen Stimme aus der Vergangenheit, das war auch körperlich sehr anstrengend. Und wir brauchten nach dem Besuch am Obersalzberg eine gute Zeit, um wieder in die sommerliche Ferienlager-Stimmung zurückzufinden, mit neuer Energie neue Erlebnisse zu beginnen.
Musik 2:„Remembrances“ aus: Schindlers List
Das Erlebnis im Bunker des Obersalzberges gemeinsam mit jungen Leuten hat mich nachhaltig beeindruckt. Auch als Priester. Nun bin ich ja Weltpriester geworden – im quirligen Jüchen am Niederrhein – und kein Schweige-Mönch. Habe meine Berufung also nicht in der Stille gefunden. Wobei die Stille und das Schweigens in der christlichen Tradition einen hohen Stellenwert hat. Es gibt christliche Orden, die sich ganz der Stille verschrieben haben. Und es gibt die Rückbesinnung auf diese Tugenden – die Stille und Schweigen gar nicht nur auf die Abschaltung des Hörens reduzieren – im Gegenteil, wie der 2023 verstorbene Bonner Fundamentaltheologe Hans Waldenfels schildert:
„Auch unsere Exerzitien und Meditationsübungen waren zu lange wortüberladen. Ich selbst kann mich gut erinnern, wie befreiend es für uns junge Studenten war, als ein Exerzitienmeister (Jesuit) seine Einführung in die Übungen auf fünfzehn Minuten beschränkte und uns dann in eine volle Stunde völliger Stille entließ. Darin musste dann jeder für sich seinen Weg finden. Es waren in der Tat Hörübungen.“[1]
Das „Hören in die Stille“ also als wohltuende Abwechslung von Text-Überladenheit – eine Kritik, die wir uns als Christinnen und Christen auch immer wieder gefallen lassen müssen in Bezug auf unsere Art, Gottesdienste zu gestalten. Grundsatz: „Weniger ist mehr.“
Das Hören ist also eine besonders eindrückliche Wahrnehmung. Vielleicht hängt das ja auch mit der Tatsache zusammen, dass man den Fluss optischer Eindrücke mit dem Schließen der Augen stoppen – das Hören aber nicht einfach so abschalten kann. Man kann sich die Ohren zuhalten und so die akustischen Reize reduzieren – aber in dieser Zeit hört man mehr mit dem ganzen Körper. Ganz aussteigen aus dem Hören geht also nicht. Diese Spezialität unseres menschlichen Körpers ist möglicherweise auch der Grund, warum das Hören schon seit biblischen Zeiten mit dem Glauben in Zusammenhang gebracht wird. Im Alten Testament gibt es die berühmte Zeile des „Sch’ma Jisrael“ – „Höre Israel“, die im Buch Deuteronomium, im Fünften Buch Mose auftaucht. Es ist das Glaubensbekenntnis unserer jüdischen Geschwister:
„Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.?Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.?Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“[2]
Musik 3: Shema Israel (von Paul Wilbur – bis 0’56)
Trotz der klaren Ansage des „Höre, Israel!“ hat Gott aber auch verstanden, den Menschen in Bildern nahezukommen. Ein Augenzeuge zu sein ist immer viel eindrücklicher, als „nur“ Ohrenzeuge. Und so kommt es, dass er seine besondere Beziehung zum auserwählten Volk Israel zunächst in gewaltigen Bildern manifestiert – wie wir im Buch Exodus der Bibel lesen: Er manifestiert sich in einem brennenden Dornbusch, in einer Wolkensäule. Nach der Flucht aus der Knechtschaft in Ägypten zieht das Volk Israel durch das Rote Meer. Darin versinkt die mächtige ägyptische Streitmacht, die Israel verfolgt, versinkt. Das Volk, unterwegs in der Wüste, wurde durch Gott vor den Ägyptern gerettet. Aber: Noch haben sie das „gelobte Land“, das Gott ihnen versprochen hatte, nicht erreicht. Gott hat sie Augenzeugen werden lassen, indem er die übermächtige, ägyptische Streitmacht im Roten Meer versinken ließ. Für die Ägypter eine militärische Katastrophe – für das Volk Israel, das so lange von ihnen versklavt wurde, der mächtige Beweis, dass Gott auf ihrer Seite steht. Ein weiteres, denkwürdiges Kapitel in der Geschichte der Israeliten mit Gott. Doch nun schlägt Gott ein neues Kapitel auf der Geschichte. Und dieser Vorgang wird heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Eine Schlüsselszene:
„In jenen Tagen kamen die Israeliten in die Wüste Sínai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“[3]
Ihr habt es selbst gesehen – was man mit Worten kaum beschreiben kann. Doch nun kommt es auf meine Stimme an, ruft Gott dem Volk Israel zu. Er spricht vom Bund, den er mit ihnen geschlossen und den er auf so eindrucksvolle Weise unter Beweis gestellt hat. Gott hat die Israeliten zu Augenzeugen gemacht und ruft ihnen nun seinen Bund mit ihnen, den er vor langer Zeit schon mit Urvater Abraham geschlossen hat, in Erinnerung.
„Ihr werdet unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein.“[4]
Musik 4: Yerushalaim Shel Zahav (Jerusalem of Gold) aus schindlers Liste
„Ihr werdet unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein“: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich höre den heutigen Text aus der Leseordnung der katholischen Kirche natürlich auch vor dem Hintergrund des Konfliktes im Heiligen Land. Kürzlich noch erschreckte mich ein Video des israelischen Polizeiministers Itama Ben Gvir. Zwischen gefesselten und knieenden Gaza-Aktivisten rief er höhnisch: „Willkommen in Israel, wir sind hier die Hausherren.“[5]
Ist da nicht etwas gekippt? Nationalreligiöse Israelis berufen sich mittlerweile derart militant auf eben jene biblischen Passagen der Erwählung, dass mir fröstelt. Auch weil ich theologisch nicht in Frage stelle, dass Gott Israel als erstes erwählt, daran halte ich fest als Christ, als Freund des Heiligen Landes, auch als jemandem der die Erinnerung wach hält an das, was Deutschen Juden angetan haben.
Aber in der besagten Bibelstelle gibt Gott ja keinen Freifahrtschein. Erwählt sein, „Gottes Eigentum“ sein, drängt nach Verantwortung. „Eigentum verpflichtet“, heißt es in Artikel 2 der Grundgesetzes. Und der Gott, der Israel aus Ägypten führte, stellt eine Bedingung:
„WENN ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, (DANN) werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein“.
Auf das Hören kommt es also an. Und dazu gehört doch bei Gott gerade das Hören auf die leisen Töne. Etwa auf die Stimme, die in dem schalltoten Stollen am Obersalzberg eine Stimme verliehen bekommen hat. Erwählung ohne auf die Stimme der Entrechteten, der Marginalisierten zu hören, wird zum Terror.
Die christliche Tradition hat den Begriff der Erwählung
geweitet. Auf alle, die auf ihn hören.
Christlich
gesehen ist der Bundesschluss am Sinai kein exklusiver, einmalig gesetzter
Vertragsschluss, sondern der Beginn einer lebendigen Beziehung. Gott
dokumentiert mit dieser Zusage: Du bist mir wertvoll, dir schenke ich meine
Treue, meine Sorge. Und es ist an den Menschen, ihm im Gegenzug Gehör zu
schenken. Konzentriert zuhören. Das ist zwar anstrengend und erfordert Übung
wie Geduld. Aber: Wer reinhört in die Zusammenhänge dieser Welt, der wird
merken, wo Gott ihn „auf Adlerflügeln“ trägt – was für ein
schönes Bild aus der heutigen Lesung!
Musik 5: The dance of joy (Giora Feidman)
Klezmer – die jüdische Musik, die wir eben hörten, lebt von den Zwischentönen. Besonders, wenn Giora Feidman sie auf der Klarinette so meisterhaft ertönen lässt. Auf die Zwischentöne kommt es an - kommt es Gott an. „Der Glauben kommt vom Hören“, schreibt der Apostel Paulus (Römer 10,17).
In dieser tönenden Welt geht es das allzuoft verloren. Der Gehör für die Zwischentöne. Ich bin mir sicher: wer sich hin und wieder in der Stille übt. Im Hinhören auf die leisen Töne, der wird voller aus dem Leben schöpfen. Und damit eigentlich ganz natürlich auch in Beziehung sein mit dem, der uns trägt. Wie ein Adler.
Ein gutes Zuhören mit Ohren und Herzen wünscht Ihnen heute
Ihr Ulrich Clancett aus Jüchen.
[1] Hans Waldenfels, Der Glaube kommt vom Hören ThPQ 159 (2011), S.2., [2] Dtn 6, 4-6., [3] Ex 19, 2-6a., [4] Ex 19, 5., [5] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/gaza-aktivisten-100.html
