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Kirche in WDR 3 | 11.08.2026 | 07:50 Uhr
„Patronin des Fernsehens“
Eine Patronin des Fernsehens? Als ich das zum ersten Mal gehört habe, musste ich schmunzeln. Ausgerechnet die heilige Klara von Assisi soll das sein? Eine Frau aus dem 13. Jahrhundert? Sie hat nie einen Bildschirm gesehen oder einen Fernseher. Und doch hat Papst Pius XII. sie 1958 zur Patronin des Fernsehens erklärt. Heute, am 11. August, erinnert die Kirche an die heilige Klara. Das ist für mich ein Grund, dieser ungewöhnlichen Verbindung von ihr und dem Fernseher einmal nachzugehen.
Der Papst bezog sich dabei damals auf eine alte Legende. Darin heißt es, dass Klara schwer krank war und nicht an der Christmette ihres Klosters teilnehmen konnte. Während die anderen in der Kirche beteten, blieb sie in ihrer Zelle zurück. Trotzdem soll sie den Gottesdienst gesehen und gehört haben. Bestimmt hat genau diese Legende den Papst damals auf die Idee gebracht, sie zur Patronin des Fernsehens zu erklären: Eine Frau, die im 13. Jahrhundert etwas sieht, obwohl sie gar nicht vor Ort ist. Wie eine Fernsehübertragung ohne TV-Gerät.
Ob das damals wirklich so geschehen ist, kann ich nicht sagen. Mich beschäftigt aber etwas anderes: Die „televisionäre“ Legende offenbart ja eine wichtige Einsicht. Klara erinnert daran, dass Schauen mehr ist als Sehen. Genau darin liegt der Unterschied. Sehen passiert, sobald wir die Augen öffnen. Sehen ist passiv. Schauen ist aktiv. Schauen ist, wenn wir dem Sehen eine Richtung geben. Ein Bildschirm zeigt mir, was irgendwo geschieht. Aber er kann mir nicht abnehmen, wirklich Aufmerksamkeit zu schenken.
Oft greife ich morgens noch vor dem Frühstück
zum Smartphone, überfliege die Nachrichten. Kaum habe ich ein Bild
wahrgenommen, folgt schon das nächste. Manchmal frage ich mich, ob nicht genau das mein Problem ist.
Ich sehe immer mehr und mehr und nehme doch immer weniger
mit. Es fehlt nicht an Bildern, es fehlt an Zeit.
Und Bilder zeigen nicht alles. Sie zeigen den Ausschnitt, der vor der Kamera liegt. Für das Gesamtbild müsste ich mich mal umschauen. Und so ist es ja auch bei Menschen. Wer nimmt sich Zeit für mehr als den Ausschnitt in einer kurzen Begegnung?
Deshalb fällt mir auf, wie oft die Bibel erzählt, dass Jesus sich einem Menschen zuerst zuwendet. Er geht nicht einfach weiter, sondern er lässt sich unterbrechen und schenkt dem Menschen, der vor ihm steht, Zeit. Er schaut ihn an. Und genau dadurch verändert sich oft etwas; nicht, weil Jesus viele Worte macht, sondern weil der andere merkt: Ich werde wahrgenommen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die heilige Klara zur Patronin des Fernsehens geworden ist. Nicht weil sie irgendetwas über Technik wusste, sondern weil sie daran erinnert, dass ein Bild noch keine Begegnung schafft.
Heute, am Gedenktag der heiligen Klara von Assisi, nehme ich mir deshalb vor zu versuchen, dem Menschen, der mir heute begegnet, wirklich Zeit zu schenken.
Das Gespräch dauert dann nicht länger als sonst, aber ich möchte versuchen, mit meinen Gedanken nicht schon wieder woanders zu sein. Und vielleicht beginnt genau da etwas, das auf keinem Bildschirm zu sehen ist.
Einen guten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Andreas Möhlig aus Kornelimünster.
