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Die Liebe zur Perfektion
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Kirche in WDR 3 | 27.02.2026 | 07:50 Uhr

Die Liebe zur Perfektion

An einem Bahnhof mitten in Japan. Ich stehe mit meiner Reisegruppe am Bahnsteig, und der Zug auf dem Gleis vor uns ist gleich abfahrbereit. Und dann sehe ich den Schaffner, der den Zug abfertigt. Nicht mit einem beiläufigen Nicken, nicht mit einem Handzeichen im Vorbeigehen. Sondern mit einer Bewegung, die er mit seinem ganzen Körper macht: Das Gesicht nach vorn, zum Lokführer gerichtet, der Körper angespannt wie ein Pfeil vor dem Abschuss. Und dann schwenkt er seinen Arm in einem großen Bogen nach oben und zeigt an: Abfahrt. Für einen Außenstehenden wie mich hat das etwas Theatralisches. So übertrieben korrekt, dass es schon wieder komisch wirkt. Aber im nächsten Moment wird mir klar: Damit tue ich dem Mann Unrecht. Ihm geht es nicht um eine übertriebene Selbstdarstellung, sondern darum, dass es keinerlei Missverständnisse geben kann. Der Lokführer soll auf den Bruchteil einer Sekunde genau wissen: Der Zug ist bereit, die Türen sind zu, alles ist sicher. Fertig. Dieser Schaffner hat das, was er da tut, so perfektioniert, dass es völlig eindeutig ist.

Solche Momente hatte ich in Japan immer wieder. Unsere Reiseführerin zum Beispiel: eine perfekte Gastgeberin. Freundlich, aufmerksam, zugewandt. Und sie entschuldigte sich für Dinge, für die sie gar nichts konnte. Weil irgendwo ein Bus zu spät kam. Oder weil es anfing zu regnen. Es war, als läge auf ihr der Anspruch: Ich muss dafür sorgen, dass alles stimmt. Ich war beeindruckt. Wie schön wäre es, dachte ich damals, wenn sich hierzulande der ein oder andere eine Scheibe davon abschneiden würde. Wenn manche Dinge etwas zuverlässiger wären. Etwas sorgfältiger. Etwas verbindlicher. Wenn man nicht immer das Gefühl hätte: Ach, das passt schon irgendwie. Ja, das wäre schön. Aber dieses Streben nach Perfektion hat auch eine brutale Seite. Denn wenn Perfektion das Maß der Dinge ist, dann werden kleine Fehler unverzeihlich. Jeder falsche Handgriff. Jede vergessene Höflichkeit. Jede nicht ausgesprochene Entschuldigung. Nicht nur für die anderen – sondern vor allem für mich selbst. Und dann tauchen Fragen auf, die schwer wiegen: Bin ich genug, wenn ich nicht perfekt bin? Ist meine Arbeit etwas wert, wenn sie nicht makellos ist? Hat mein Leben Sinn, wenn ich das, was ich tue, nicht perfektioniert habe? Das sind gefährliche Gedanken. Weil sie Menschen innerlich klein machen. Weil sie das Gefühl nähren: Ich genüge nicht. Und es hat mich erschüttert, wie sehr so ein Druck Menschen krank machen kann – wie er in die Erschöpfung führt, in die Niedergeschlagenheit, in dieses Gefühl von innerer Aussichtslosigkeit. Und da wurde mir auf einmal sehr klar, wie wertvoll es ist, dass wir als Menschen noch etwas anderes kennen – und manchmal auch einüben: Dass ein Mensch nicht daran gemessen werden muss, wie perfekt er etwas kann. Sondern daran, wer er ist. Vielleicht ist das die eigentliche Perfektion, nach der wir uns sehnen – nicht die perfekte Leistung, sondern die perfekte Liebe.

Einen anderen nicht zu lieben, weil er perfekt ist, sondern weil er da ist. Weil er er selbst ist. Mit Ecken und Kanten. Mit Macken und Grenzen. In der jüdisch-christlichen Tradition ist dies tief verankert. Vom „Siehe es war alles gut“ im Schöpfungsbericht bis zum „Es ist vollbracht“ von Jesus, der alles andere als perfekt stirbt, am Kreuz. Und im Sterben noch mal seine Liebe offenbart.

Ist nicht das, wenn man so will, die höchste Form von Perfektion überhaupt? Bedingungslos zu lieben. Das ist wirklich göttlich.

Aus Köln grüßt Sie

Gerald Mayer


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