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Kirche in WDR 5 | 15.01.2026 | 06:55 Uhr
Macht Gott glücklich?
Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer! Das neue Jahr, es ist schon zwei Wochen alt. Kein Alter für ein Neugeborenes, beileibe nicht, aber am frischen neuen Jahr ist schon etwas geknabbert. Und der düstere Januar, ohnehin kein Kind von unbeschwerter Fröhlichkeit, stürzt unversehens in grüblerische Zerrüttung mit einer ganzen Reihe von höchst unangenehmen Fragen. Zumeist in einer leicht verkniffenen buchhalterischen Attitüde ermüdender Berechnung und Bilanzierung: Wird das Jahr gelingen? Werde ich auf meine Kosten kommen?
Wer irgendwie an einen Gott glaubt, für den werden diese Fragen übrigens keineswegs einfacher, beantwortbarer oder gar auflösbarer, kein Gedanke! Im Gegenteil, in religiöser Glaubenssuppe lang genug gekocht, haben solche Fragen die unangenehme Eigenschaft, allmählich fast unverdaulich oder zumindest ungenießbar zu werden. Denn wer ganz einfach und quasi normal an Gott glaubt, der verbindet mit diesem Gott ja unversehens eine bestimmte Erwartung. Christlich glauben wir ja an Gott und das ewige Leben unbewußt immer in der Hoffnung auf Erlösung von Leid und Vergeblichkeit. Sonst wäre die Rede von Gott sinnlos.
Aber in diesen Glauben an einen erlösenden Gott schleicht sich sehr leicht als unliebsamer Schmarotzer die Hoffnung auf Erlösung von irdischem Leid und irdischer Ohnmacht. Und sehr leicht glaubt dann der christliche Mensch: Wer an Gott glaubt, den belohnt dieser Gott. Falls nicht, dann gibt es ihn nicht. „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ benennt das etwas sperrig die biblische Wissenschaft und meint genau diese im ganzen Ersten Testament spürbare Verzweiflung darüber, daß es dem frommen und gottesfürchtigen Menschen nicht besser geht als den anderen Menschen. Das ist die große Frage im Buche Hiob. Und das war die große Frage nach dem historischen Erdbeben von Lissabon am Allerheiligentag 1755, als alle gottesgläubigen Menschen in den Kirchen der Stadt von den herabstürzenden Gewölben erschlagen wurden, während die weniger Frommen zuhause in ihren Betten mit billigen Blessuren überlebten. „Macht Gott glücklich?“ fragte vor vielen Jahren einmal der katholische Theologe Johann Baptist Metz und antwortete unverblümt: „Ich zweifle!“ Dazu passt der Text, den heute Katholiken weltweit lesen, aus dem ersten Buch Samuel, im vierten Kapitel, einem der altisraelitischen Geschichtsbücher.
Das Volk Israel kämpft in aussichtsloser Lage gegen die feindlichen Philister und holt als letzte Hilfe und vermeintliche Rettung die altehrwürdige Bundeslade mit den Gesetzestafeln des Mose ins Feldlager, um so die Feinde zu besiegen. Aber ach: Die Philister verdoppeln ihre Anstrengung und schlagen Israel vernichtend und erbeuten die heilige Bundeslade. Alles verloren, und Gott hat nicht geholfen. Macht Gott glücklich?
Das Jahr ist noch jung genug, um sich vorzunehmen: Ich will nicht an Gott glauben um der Belohnung Willen. Und ich will nicht an die Liebe von Menschen glauben, noch sie lieben, um der Belohnung Willen. Liebe und Glaube dürfen niemals unter die Räder der Bilanz und des Lohnes geraten. Sondern glauben und lieben muß man, weil es beglückt, nicht weil es sich berechenbar lohnt. Irgendwann wird es sich dann vielleicht auch einmal gelohnt haben, wer weiß. Jedenfalls weit jenseits dieses Jahres.
Einen guten Tag wünscht Ihnen Monsignore Peter Schallenberg aus Paderborn.
