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Kirche in WDR 2 | 19.03.2026 | 05:55 Uhr
German Angst
Das Leben ist eine unsichere Angelegenheit. Das war immer. Wie man mit dem Leben und seinen Herausforderungen umgeht, kann aber sehr verschieden sein. Im europäischen Vergleich geben wir Deutschen unverhältnismäßig viel Geld für Versicherungen aus. „German Angst“ ist ein international geläufiger Begriff und karikiert das besondere Bedürfnis hierzulande, sich gegen alle Eventualitäten abzusichern.
Angst ist eine Macht. In der öffentlichen Kommunikation – auch im politischen Raum – spielen Ängste eine große Rolle. Die Marketingabteilungen der Wirtschaftsverbände und Parteien machen sich unsere Ängste interessenorientiert zunutze. Häufig steht bei Wahlen das Versprechen von Sicherheit im Mittelpunkt, etwa beim Thema Kriminalität. Obwohl wir in Deutschland seit Jahrzehnten in einem der sichersten Länder der Welt leben.(1)
Bei der Frage der äußeren Sicherheit prägen die brutalen Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zu Recht die Debatten. Die imperialistischen Intentionen von Putin und Trump befeuern aber nicht nur die „German Angst“, sondern zugleich die Bereitschaft, hunderte von Milliarden in die Kriegsfähigkeit Deutschlands zu investieren.
Kriegsfähigkeit ist aber etwas völlig anderes, als friedensfähig zu sein. Die Friedens- und Konfliktforschung untersucht seit Jahrzehnten, wie Gewalt entsteht und vor allem - wie sie verhindert werden kann. Einrichtungen wie das Leibniz-Institut zeigen, wie wichtig frühe Diplomatie, internationale Vermittlung und zivile Krisenintervention sind.
Statt vor allem auf Angst und Abschreckung zu setzen, sollten diese Erkenntnisse viel stärker in politische Debatten und Entscheidungen einfließen. Welche Perspektiven könnten sich ergeben, wenn wir beispielsweise die Hälfte der geplanten Milliarden für Aufrüstung gezielt in Ursachenbekämpfung der internationalen Konflikte und diplomatische, kreative Lösungen investieren?
In der Bibel kommt Angst als existentielle Erfahrung ganz oft vor. Sie wird nicht verdrängt. Sie darf sein. Sie gehört zum Leben. Aber ebenso oft gibt es ermutigende Zusagen wie:
„Habt keine Angst!“ und „Fürchtet euch nicht!“, denn Gott ist bei uns.
Selbst wenn alles gegen ihn spricht.
Selbst wenn alles völlig unsicher ist.
Selbst wenn wir von Gott nichts merken.
Die Zusage gilt. Belastbarer als jede Lebensversicherung. Sie nimmt uns nicht alle Ängste. Aber sie hilft, ihnen nicht die letzte Macht über unser Denken und Handeln zu überlassen: Gott sei Dank!
Quellen: https://www.diw.de/de/diw_01.c.973057.de/publikationen/wochenberichte/2025_36_4/sicherheit_braucht_fakten_____und_haltung__kommentar.html (zuletzt aufgerufen am 06.03.26)
Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel
