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Kirche in WDR 2 | 17.08.2026 | 05:55 Uhr
Nach vorne schauen
„Wir müssen nach vorne schauen!“ So hören wir bei vielen Interviews von Politikerinnen und Politikern, wenn es um Krisenbewältigung und die Durchsetzung von Reformen geht. Der im ersten Moment einleuchtende Satz hat seine Fallen. Er suggeriert, dass die Vergangenheit ausgesorgt hat. Neue Zeiten sind angebrochen, so wird gesagt. Nach vorne, bitte! Schnell!
Wo aber ist vorne? Ist vorne geradeaus – in Blickrichtung auf meinen Gesprächspartner oder rückwärtsgewandt? Ist vorne rechts oder links? Nimmt man das gesellschaftliche Klima und Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger ernst, ist vorne aktuell eher rechts. Rechts ist IN.
Vor ein paar Wochen ist dies z.B. im sog. europäischen Asylkompromiss deutlich geworden. Danach wird eine Zuwanderung von Flüchtlingen weiter erschwert und eine mögliche Kasernierung von abgelehnten Asylbewerbern legalisiert. Die Parteien der sog. Mitte haben damit die menschenverachtende Stimmungsmache und Argumentation rechter Politikerinnen und Politiker übernommen. Europäische Kolonialgeschichte und Faschismus scheinen ausgeblendet. Man müsse schließlich nach vorne schauen!
Dabei benötigen wir dringend Zuwanderung. Selbst deutsche Unternehmen weisen mittlerweile auf die Absurdität hin, dass wir eine Zuwanderung von jährlich 400.000 Menschen brauchen, wenn unsere Wirtschaft konkurrenzfähig, unsere Renten sicher, unser Sozialsystem in Zukunft bezahlbar bleiben sollen. Stattdessen werden Familien abgeschoben, die sich jahrelang um Anerkennung bemühen, und deren Kinder erfolgreich hier in die Schule gehen.
Die Politikerinnen und Politiker der rechten Parteien haben nach der Abstimmung im EU-Parlament applaudiert und skandiert: „Send them back!“ Ist das vorausschauende Politik? Wo ist jetzt bitte vorne?
Wenn ich nicht weiß, woher ich komme – wie kann ich entscheiden, wohin ich will? Wir leben weder in neuen Zeiten, noch hat die Vergangenheit ausgesorgt. Um eine menschenfreundliche Welt zu gestalten, brauchen wir die Erinnerung daran, was Menschen vor uns erlebt, gelitten, gekämpft und erhofft haben. Und wir brauchen den Austausch hierüber – gerade auch mit den Menschen, die zu uns kommen und ihre eigenen Erinnerungen und Erfahrungen mitbringen. Sonst entscheiden wieder andere, wo´s langgeht. Gott bewahre.
Quelle: https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/faktencheck
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
