Beiträge auf: wdr2
Hörmal | 19.04.2026 | 07:45 Uhr
Liebe im Übergang
Endlich sind wir mal wieder zu zweit unterwegs: Mutter und Tochter. Ich habe mich auf diese kurze Auszeit gefreut. Doch als wir das erste Geschäft verlassen, rollt meine Tochter mit den Augen und raunzt mich an: „Du bist so peinlich!“ Autsch! Das sitzt. Nicht laut, aber tief. Gerade war ich noch Begleitung. Jetzt bin ich ein Risiko für ihren Ruf.
In Gedanken gehe ich in meine eigene Pubertät zurück: Große Fragen, tiefgreifende Gespräche und viele Diskussionen. Und in all dem: Die Suche nach dem eigenen Weg, meinem Platz im Leben.
Als Mutter erlebe ich Pubertät irgendwie anders. Sie beginnt nicht mit großen Gesprächen, sondern mit vielen kleinen Stichen. Mit Augenrollen, seufzen und mit Abstand, der plötzlich wichtig wird. Kinder lösen sich. Nicht, weil sie uns Eltern nicht mehr lieben, sondern weil sie herausfinden müssen, wer sie selbst sind. Und wer sie eben nicht mehr sein wollen.
Ich frage mich oft: Was ist jetzt richtig? Mitgehen? Zurückziehen? Erklären? Aushalten? Manchmal weiß ich es einfach nicht. Ich ahne: Solche Zeiten sind Übergänge. Und Übergänge sind selten bequem. Sie sind anstrengend, laut, chaotisch und manchmal tun sie richtig weh. Aber sie sind wichtig, weil das Neue sonst nicht anfangen kann.
In der Bibel sind es oft genau diese Zwischenzeiten, in denen Gott nicht laut wird. Oder ärgerlich: Elia, ein Prophet, sitzt erschöpft in der Wüste. Alles ist ihm zu viel. Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Lärm. Gott ist im leisen Geräusch danach. Einfach verlässlich da. Vielleicht ist das gerade auch unsere Aufgabe als Eltern: Da sein, ohne zu klammern. Loslassen, ohne zu verschwinden. Aushalten, ohne laut zu werden. Bleiben, auch wenn wir gerade peinlich sind.
Nach der kurzen Shoppingtour
zieht sich meine Tochter erst einmal zurück. Ich bin peinlich, sie will sofort
nach Hause auf ihr Zimmer. Vielleicht kommt sie später am Abend wieder.
Nicht mit einer Entschuldigung. Aber vielleicht mit der Frage, ob ich sie noch
kurz einkuscheln kann. Zwischen Umarmung und Türknallen ist sie da: Die Liebe
im Übergang. Und vielleicht ist das schon mehr als genug.
Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel
