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Kirche in 1Live | 16.04.2026 | floatend Uhr
Tulpen
Es ist Frühling und ich habe Tulpen auf dem Tisch stehen. Jedes Jahr freue ich mich richtig, wenn ich die wieder kaufen kann. Tulpen sind eine meiner Lieblingsblumen. Was mich am meisten an ihnen fasziniert: Sie wachsen weiter. Obwohl sie abgeschnitten sind. Jeden Tag ein kleines Stück. Als hätten sie noch etwas vor.
Manchmal sehen meinenTulpen auf dem Tisch so aus, wie ich mich fühle. Ihre Köpfe hängen ein bisschen. Nicht dramatisch. Aber auch nicht kraftvoll. So Tage, an denen alles irgendwie geht, aber nichts richtig steht. Dann schneide ich die Stiele unten neu an. Frisches Wasser in die Vase. Mehr mache ich gar nicht. Eigentlich wirkt dieses Anschneiden erst mal wie noch ein Schnitt. Aber bei den Tulpen ist es genau andersherum: Erst dadurch können sie wieder Wasser aufnehmen. Und ein paar Stunden später richten sie sich wieder auf. Erstaunlich schnell. Als hätten sie nur darauf gewartet.
Ich denk an einen Satz aus der Bibel: Dass Gott nichts zerbricht, was schon geknickt ist. Vielleicht ist er mehr so der, der stehen lässt. Der versorgt. Der wieder aufrichtet. Still, wie Wasser. Fast unsichtbar. Die Tulpen stehen jedenfalls wieder gerade. Und ich freue mich noch ein kleines bisschen mehr über sie. Gleichzeitig merke ich wie gut mir dieser Anblick gerade tut. Nicht, weil plötzlich alles anders ist. Sondern weil da sichtbar wird: Da ist noch Kraft.
Sprecherin: Lisa Kielbassa
Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel
