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Kirche in WDR 4 | 29.11.2025 | 08:55 Uhr
Kirche – politisch?
Guten Morgen!
Sind Sie ein politisch interessierter Mensch? Wollen Sie mitgestalten, um etwas zu bewirken? Oder glauben Sie eher: „Die da oben machen ja doch, was sie wollen, was kann ich da schon tun.“ Vielleicht haben Sie von all den niederdrückenden Nachrichten die Nase voll. Möglich auch, dass Sie angesichts der zahllosen, unübersichtlichen Informationen sagen: „Ich weiß nicht, wem ich noch glauben soll.“ Das wäre verständlich.
Aber ich bin froh, dass in unserem Land Meinungsfreiheit herrscht. Die Meinungsfreiheit ist eine kostbare Errungenschaft. Sie ist ein Grundrecht, ebenso wie zum Beispiel die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Und ich sehe mit Sorge: Es gibt Kräfte, die wollen diese und andere Grundrechte beschränken. Oder gleich abschaffen.
Wo diese Gefahr droht, ist entschiedener Widerspruch notwendig. Der Widerspruch aller, denen unsere Demokratie und unser Rechtsstaat nicht gleichgültig ist. Damit meine ich Einzelpersonen, aber auch Vereinigungen, Verbände, Initiativen der Zivilgesellschaft. Damit meine ich auch die Kirchen.
Die Kirchen? Manche sagen: „Die sollen doch bitte das Wort Gottes verkündigen, statt sich in die Politik einzumischen.“ Diese Haltung ist nicht neu. Aber sie wird immer wieder öffentlich geäußert, auch von der Präsidentin des Deutschen Bundestages. Julia Klöckner hat beklagt, dass sich Kirchen oft in die Tagespolitik einmischen würden. Eine unpolitische Kirche wünschen sich manche. Und fordern gleichzeitig, dass Kirche Haltung zeigt. Aber bitte die richtige. Wenn Kirche gegen rassistische Hetze Flagge zeigt, hört man: Das ist nicht Aufgabe der Kirche. Wenn es um Abtreibung geht, hört man von denselben, die Kirche solle Flagge zeigen.
Die ausgebildete Religionspädagogin Julia Klöckner und andere bemängeln nicht eine Kirche, die zu politisch ist. Die Kritik zielt vielmehr auf eine Kirche, die nicht in ihrem Sinne politisch ist. Dabei wird oft übersehen: Kirchenmitglieder können auf der Basis ihres Glaubens zu unterschiedlichen Meinungen zu Lebensthemen kommen – und diese frei ausdrücken.
Was also ist Aufgabe der Kirche? Ganz klar: das Evangelium, die gute Nachricht von der grundlosen Liebe Gottes, weiterzusagen, weiterzugeben, öffentlich zu machen. Und zu zeigen, was diese Botschaft für das Leben hier und heute bedeutet. Die Aufgabe der Kirche ist es, diese zweitausend Jahre alte zeitlose Botschaft immer wieder neu und glaubhaft in die Zeit und damit auch in die Öffentlichkeit hineinzusprechen. Denn das Evangelium betrifft den ganzen Menschen. Die Kirche macht deshalb den Mund auf für die Bewahrung der Schöpfung, den tatkräftigen Einsatz für Schwache und für soziale Gerechtigkeit, für die Ehrfurcht vor dem Leben und vieles mehr. Und all das ist politisch.
Oft sind die Antworten im Einzelnen nicht leicht zu finden. Jede einzelne Christin, jeder einzelne Christ ringt darum. Aber der Staat, das Gemeinwesen brauchen als Gegenüber eine Kirche, die sich nicht als frommes Feigenblatt benutzen lässt. Eine Kirche, die ohne Scheu über das spricht, was sie aus dem Glauben als wichtig erkennt für das Leben hier und heute – und damit politisch ist.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
