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Kirche in WDR 4 | 25.07.2026 | 08:55 Uhr

Fahrradfahren

Guten Morgen.

Ein Sonntagmorgen. Ich bin zum Frühstück verabredet mit Freunden. Es ist sonnig und warm. Die Luft schmeckt noch ein wenig nach der Frische der Nacht. Jetzt nur nicht im Auto sitzen oder in der Bahn. Ich hole mein altes Rennrad aus dem Schuppen.

Mein altes Studentenrad. Jeden Tag bin ich damit zur Uni gefahren, um die Wette mit den Ampelschaltungen. Irgendwann wusste ich genau, bei welchem Tempo ich die Grünphasen erwische.

An diesem Morgen aber treibt mich rein gar nichts. Die Straßen sind fast leer. Und ich fange an, den alten Song von Herman van Veen vor mich hinzusingen: „Hey, kleiner Fratz, auf dem Kinderrad. Gekonnt hältst du die Balance, hey, kleiner Fratz, auf dem Kinderrad, du fährst in der Tour d´Élégance.“


Plötzlich rauscht ein anderer Radfahrer an mir vorbei. In voller Montur und – im Gegensatz zu meinem Oldtimer – auf einer richtigen Rennmaschine. Und wie er so vor mir herfährt, erinnert er mich daran: Ich wollte mich doch längst schon nach einem neuen Helm umsehen.
Ich nehme es mir für die kommende Woche vor.


Ich folge der Streckenempfehlung meines Handys für die kürzeste Fahrradroute bis zu meinem Ziel. Und prompt lande ich auf einer Kopfsteinpflasterstraße. Ich jongliere holprig auf den Fußweg. Auch hier ist es um diese Zeit am Sonntagmorgen noch leer. Ich denke darüber nach, ob ich mir in Zukunft auf meiner App nicht auch die Beschaffenheit der Wege anschauen sollte. Und dann ist es mir eigentlich auch schon egal. Ich singe weiter:

„Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun, erweckt mir alle Sinnen.“ Das hat Paul Gerhardt vor 400 Jahren gedichtet, und ich nehme ihn beim Wort und „singe mit, wenn alles singt“, hier auf dem Fahrrad und überall, wo es mir in den Sinn kommt.


Plötzlich überholt mich der sportliche Zweiradfahrer in seiner Rennfahrerkluft zum zweiten Mal - und schaut mich verdutzt an. Seine Strecke war gewiss kopfsteinpflasterfrei, dafür aber eindeutig länger. Bestimmt hatte er einen festgelegten Trainingsplan. Ich dagegen habe Zeit an diesem Morgen. Zeit zum Schauen, Zeit zum Singen, Zeit um langsam zu fahren. Manchmal muss man nur langsam genug sein, damit einem das Gute überhaupt auffällt – und ganz nebenbei kommt man mitunter auf diese Art sogar schneller voran. Nicht immer nur ankommen wollen, sondern unterwegs sein.

An der roten Ampel vor uns stehen wir dann nebeneinander, tauschen uns kurz aus über Radwege und freie Straßen und wünschen uns freundlich noch einen schönen Tag, bevor er - sich in die Pedalen wirft und immer kleiner wird.


Und ich fange an, meinen Gott zu loben für diesen wunderbaren Morgen, natürlich mit Gesang: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Ja, mein Gott, an so einem Morgen kann man das gar nicht vergessen. Weil es Tage gibt, da liegt das Gute einfach am Wegesrand.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )

Ein fröhliches Unterwegssein auf dem Fahrrad wünscht Ihnen Thomas Warnke, Pfarrer aus Detmold.


Quellen:

Herman van Veen: „Kleiner Fratz“, Album „Ich hab ein zärtliches Gefühl“ (1973); Original von Ralph McTell („Girl on a Bicycle“), dt. Textfassung Thomas Woitkewitsch/Herman van Veen.

Paul Gerhardt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (1653), Evangelisches Gesangbuch EG 503.

Bibelzitat: Psalm 103,2 nach Lutherbibel 2017.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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