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Kirche in WDR 2 | 12.02.2026 | 05:55 Uhr
E Levve för Kölle
Alaaf aus Köln! So viel Zeit muss sein – heute, an Weiberfastnacht. Ist schon jeck, wie sehr der Karneval Köln prägt. In „Kölle“ durchdringt der Karneval ja alle Schichten: es gibt die links-alternative Stunksitzung (heute Nacht übrigens im WDR), es gibt die Prunksitzungen der altehrwürdigen Karnevalsgesellschaften. Es gibt die „Immisitzung“ von Migranten und die schwule „Röschensitzung“. Und dann gibts noch etwas, „dat jit et nur in Kölle“, wie man hier sagt: das sogenannte Divertissementchen an der Kölner Oper, oder kurz: „dat Zillchen“ – Musiktheater pur.
Seit bald 150 Jahren führt nämlich der Kölner Männergesangverein in der Karnevalssession ein Singspiel auf. Dafür macht die Oper Platz für die über 100 ehrenamtlich Mitwirkenden – alles Männer. Die übernehmen auch die Frauenrollen. Das „Zillchen“ wird jedes Mal selbstgeschrieben, zu einem Thema, das in der Luft liegt. Dieses Jahr: der 150. Geburtstag von Konrad Adenauer. „E Levve för Kölle“ heisst das Stück. Ich hab‘s gesehen – und war begeistert! Eigentlich hatte ich mit dem „Alten“, wie Adenauer am Ende seines Lebens leicht verächtlich genannt wurde, bislang nicht so viel am Hut. Gut: er war der erste Bundeskanzler. Dass er vorm Krieg Kölner Oberbürgermeister war, das wusste ich zwar auch. Aber wie er sehr die Stadt geprägt hat, das wurde mir erst jetzt klar. 17 Jahre hatte Adenauer in Köln regiert und war damit länger Kölner Oberbürgermeister, als Kanzler der Bundesrepublik. Was er für Köln alles geleistet hat, das zeigt das „Zillchen“ musikalisch-beschwingt und auch irrsinnig komisch, aber historisch korrekt: Wie er im ersten Weltkrieg nicht nur die erste vegane Wurst erfand und das „Kölner Notbrot“, um die Lebensmittelversorgung zu sichern. Wie er die Kölner Universität in die erste akademische Liga katapultierte, wie er für die „Jahrtausendausstellung“ 1925 das Kölner Messegelände in bester Rheinlage ansiedelte, wie er den Kölner Flughafen am Butzweilerhof führend machte in der Luftfahrt, wie er mit der Ansiedlung der Ford-Werke tausenden Kölnern verhalf in der Weltwirtschaftskrise zu Arbeit. Und vieles mehr.
Adenauer hat Köln geprägt wie weniger Männer in der Geschichte dieser altehrwürdigen Stadt. Und er hatte einen inneren Kompass: seine christliche Haltung. Von den Nazis auf unwürdigste Weise aus dem Amt gejagt, überlebte er die Diktatur versteckt im Kloster Maria Laach, um dann, in den Trümmern Deutschlands die Bundesrepublik mit aus der Taufe zu heben – mit über 70 Jahren. Das ist vielleicht sein größtes Verdienst. Der größte Verdienst vom Zillchen ist für mich: die braune Zeit wird komplett ausgeblendet. Nicht weil sie es vergessen haben, sondern weil es den trotzigen Stolz der Rheinländer zeigt. Adenauer ist eben viel mehr, als faschistische „Bekloppte“ damals meinten. Auch heute treten Faschisten wieder an und wollen Spaltung statt ein gedeihliches Zusammenleben – woran Adenauer immer gelegen war. Er hatte eben einen inneren Kompass.
Übrigens: Wer das „Zillchen“ sehen möchte: Am Samstag um 11 Uhr ist es im WDR-Fernsehen zu sehen. Und: wem verdankt der WDR, dass der Sender in Köln angesiedelt wurde? Auch das wird im Zillchen klar: Natürlich Adenauer.
