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Nicht schönreden
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Kirche in WDR 3 | 06.07.2026 | 07:50 Uhr

Nicht schönreden

Guten Morgen!


„Wird schon wieder.“

„So schlimm ist es doch nicht.“

„Kopf hoch.“

„Andere haben es noch schwerer.“

Das klingt alles freundlich. Hilft aber in der Regel nicht. Ich habe solche Sätze auch schon gesagt. Meistens mit guter Absicht. Weil ich trösten wollte. Weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen soll. Weil ich die Stille schwer ausgehalten habe.

Denn das ist ja anstrengend: etwas stehen zu lassen, das nicht gut ist.

Wenn jemand krank ist.

Wenn eine Beziehung zerbrochen ist.

Wenn die Nachrichten kaum auszuhalten sind.

Wenn jemand sagt: „Ich kann nicht mehr.“

Wenn in der Familie alle so tun, als sei eigentlich alles in Ordnung.

Dann liegt die Versuchung nah, schnell ein bisschen Licht darüber zu kippen.

Ein optimistischer Satz. Ein frommes Wort vielleicht. Hauptsache, es wird nicht zu schwer.

Aber nicht alles wird besser, nur weil ich es schönrede.


Ich merke das auch bei mir. Ich kann Dinge erstaunlich lange schönreden. Stress zum Beispiel. Dann sage ich: „Ist gerade nur eine volle Phase.“ Und aus der vollen Phase wird ein voller Monat, ein voller Kopf. Oder ich rede mir ein, dass mich etwas gar nicht verletzt hat. War ja nicht so gemeint. Ist doch egal. Ich bin doch erwachsen. Und trotzdem merke ich: Da ist was hängen geblieben.


Schönreden ist manchmal wie Aufräumen: Ich stopfe alles in den Schrank. Von außen sieht es ordentlich aus. Aber wehe, jemand macht die Tür auf.

Ich glaube, Gott braucht dieses Schönreden nicht.

Das ist für mich eine der tröstlichsten Seiten des Glaubens: Ich muss vor Gott nicht so tun, als wäre alles halb so wild.


In vielen alten Gebeten der Bibel klingt genau das an. Da wird geklagt, gezweifelt, gefragt, manchmal sogar geschimpft. Nicht, weil der Mensch, der hier betet, keinen Glauben hat. Sondern weil sein Glaube ehrlich genug ist, die Wirklichkeit nicht zu übermalen.

Vielleicht beginnt Hoffnung genau dort: nicht beim Schönreden, sondern beim Wahrnehmen.

Das ist ein Unterschied.

Schönreden sagt: „Ist nicht so schlimm.“ Wahrnehmen sagt: „Ja, es ist schwer. Und ich bleibe trotzdem da.“

Schönreden will schnell fertig werden. Wahrnehmen nimmt sich Zeit.

Schönreden macht den Schmerz kleiner. Wahrnehmen nimmt den Menschen ernst.


Ich wünsche mir mehr von dieser Art Ehrlichkeit. Bei mir selbst zuerst. Nicht jede Sorge muss sofort eine Lösung haben. Nicht jeder Schmerz braucht gleich einen Sinn. Nicht jede Traurigkeit muss in drei Sätzen weggetröstet werden. Manchmal ist es schon viel, wenn jemand sagt: „Das tut mir leid. Erzähl.“

Ich denke, das ist eine sehr geistliche Haltung: nicht weglaufen, nicht zukleistern, nicht alles ins Positive drehen. Sondern da sein. Aushalten. Mitfühlen. Und dann vorsichtig fragen, ob irgendwo ein nächster Schritt möglich ist.

Hoffnung wächst, wenn ich genau hinschaue und trotzdem nicht aufgebe.


Für heute nehme ich mir deshalb etwas Kleines vor: Ich will nicht alles schönreden. Ich höre erst einmal zu. Dem andern und mir selbst. Und bleibe ehrlich bei dem, was ist.


Vielleicht ist das für heute genug: ein ehrlicher Blick. Ein Satz ohne Verpackung. Und das Vertrauen, dass Gott gerade dort mitgeht, wo ich nichts mehr schönreden muss.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5:)

Ihr Pfarrer Oliver Kießig aus Köln.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze


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