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Kirche in WDR 3 | 28.07.2026 | 07:50 Uhr
Annakirmes
Guten Morgen! Diese Woche ist es wieder so weit: Annakirmes in meiner Heimatstadt Düren. Bis zu einer Million Besucher kommen dann auf den Festplatz in der Stadt. Vergangenen Samstag ging es bereits los. Schon als Kind habe ich es genossen, mit meinen Eltern über den Platz zu gehen, die Fahrgeschäfte auszuprobieren, eine Wurst oder ein Eis zu essen. Was ich damals nicht wusste: der ursprüngliche Anlass für dieses Volksfest. Der liegt in der Verehrung einer Reliquie: genauer das Haupt der heiligen Anna. Sie gilt als die Mutter Mariens und ist somit die Großmutter Jesu. Seit über 500 Jahren befindet sich das Haupt bereits in Düren und wird hier verehrt. Und ähnlich lange gibt es auch die Kirmes.
Zeitgleich zur Kirmes findet bis heute in der Kirche, wo das Anna-Haupt aufbewahrt wird, eine sogenannte Oktav statt: acht Tage mit feierlichen Gottesdiensten und Predigten zu einem vorgegebenen Jahresthema. Dieses Jahr lautet es: „Aufbrechen – Weitergehen“. Und auch das lockt immer noch viele Gläubige an. Vielleicht liegt das ja an einem besonderen Ritual, denn nach den Gottesdiensten können die Gläubigen das Haupt besonders verehren: Sie können ihre Hand darauflegen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viele Menschen in einer langen Reihe dafür anstehen. Auch wenn dieses Fest seit Jahren ein Highlight für mich ist: Ich tue mich mit dieser Reliquien-Verehrung etwas schwer. Zum einen, weil es unwahrscheinlich ist, dass es sich bei dieser Reliquie tatsächlich um das Haupt der heiligen Anna handelt. Zum anderen, weil ich mich frage, was eine solche Reliquien-Berührung bewirken kann.
Für viele Menschen scheint eine Reliquie den Glauben buchstäblich begreifbarer zu machen. Ich will das nicht unterschätzen. Denn der christliche Glaube ist ja keine abstrakte Idee, die man in Büchern nachlesen oder erlernen kann, sondern dieser Glaube muss im Leben konkret erfahrbar werden. Im christlichen Glauben ist doch die Überzeugung ganz zentral: Gott ist in Jesus ein Mensch geworden, also körperlich und damit berührbar. Wenn also für Gott der Körper eine so große Bedeutung hat, sollten auch wir ihn nicht unterschätzen. Durch ihn treten wir mit unserer Umgebung in Kontakt. Er ist unerlässlich für Beziehungen, also auch für die Beziehung zu Gott. So sind es meine Lippen und meine gefalteten Hände, die mich zum Beispiel beten lassen.
Und daher ist es doch auch bemerkenswert: durch die Jahrhunderte haben Menschen immer wieder Reliquien berührt und haben so eine Beziehung zu ihr aufgebaut. Das hat nichts mit magischen Kräften zu tun, aber mit der Vorstellung: Vor mir gab es Menschen, die an Gott geglaubt haben – so wie die heilige Anna. Das kann mich trösten und stärken. Und genau deswegen stelle ich mich selbst jedes Jahr wieder in die Reihe, um das Haupt der heiligen Anna zu verehren. Dabei fühle ich mich verbunden mit so vielen Menschen, die vor mir Anna als gläubige Frau verehrt haben. Und mehr noch: Viele Menschen haben hier ihre Bitten und Wünsche, ihre Tränen und Hoffnungen abgelegt, weil sie letztlich auf Gott vertraut haben. Das verbindet mich mit ihnen. Da kann ich mit Händen greifen, dass ich zu einer Glaubensgemeinschaft gehöre, auch durch die Jahrhunderte hindurch.
Aus Viersen grüßt Sie Kaplan Andreas Hahne
