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Kirche in WDR 3 | 26.02.2026 | 07:50 Uhr
Der Frühling des Fastens
Liebe Hörerinnen und Hörer!
Heute sind wir schon in der zweiten Woche der Fastenzeit, die witzigerweise in der englischen Sprache „lent“ heißt, ein altenglisches Wort für Frühling, verwandt mit „lengthening of the days“ also wörtlich: Verlängerung der Tage, als Ausdruck für den beginnenden Frühling. Die Perspektive ist in der englischen Sprache also recht anders als in der deutschen Sprache mit ihrer Betonung von Zucht und Ordnung im Wort Fasten. Natürlich kann die Fastenzeit auch gut verstanden werden als Zeit der Rückversicherung, der Verankerung im festen Sitz, besonders nach den turbulenten Tagen des Karneval: Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben? Aber die englische Sichtweise gefällt mir auch sehr gut: Die Tage werden spürbar wieder länger und lichtvoller, der Frühling steht bevor, kalendarisch in jedem Fall am 21. März, die Dunkelheit weicht zurück. Nichts außer Wasser und Brot braucht der Mensch mehr als Licht. Nichts? Doch, eins brauchen wir noch mehr: Liebe und Zuwendung anderer Menschen. Mich beeindruckt bis heute, wie ich einmal vor vielen Jahren vom vietnamesischen Kardinal Van Thuan in einem Vortrag hörte von seiner monatelangen Isolationshaft bei den Kommunisten in Vietnam Ende der 70er Jahre, in einer zwei mal zwei Meter kleinen Zelle ohne Licht und menschliche Kontakte. Dreimal täglich wurde etwas Essen und Trinken hereingeschoben und ab und an der Latrineneimer entleert. Kardinal Van Thuan sagte sinngemäß: Da ich Angst hatte, bei lebendigem Leib verrückt zu werden, machte ich drei Dinge: Ich turnte mit Händen und Füßen, ich zählte mehrmals täglich bis zehntausend und zurück, und – ich dachte intensiv an die Menschen draußen in den Pfarreien meines Erzbistums Saigon, die mich liebten und für mich beteten.
Liebe und Zuneigung anderer Menschen brauchen wir wie Brot und Wasser und Licht. Wir müssen glauben dürfen: Andere Menschen wollen nicht auf uns verzichten. „Ich will, dass Du da bist!“ sagt der hl. Augustinus, ist der erste und der letzte Satz der Liebe. Gott sagt es zu uns in jeder Sekunde unseres Lebens: Er will immer, daß wir da sind, auch wenn er manchmal nicht will, was wir denken oder reden oder tun.
Licht brauchen wir, und die Fastenzeit könnte für uns solch eine Zeit des anwachsenden Lichts sein. Und dann könnten wir auch vielleicht hören, was Gott einst im Ersten Testament im ersten Buch der Bibel den Kain nach dem Brudermord fragte: „Wo ist dein Bruder Abel?“, und wir könnten begreifen, daß wir besser nicht antworten mit der allzu trotzigen und überaus nassforschen Gegenfrage „Bin ich der Hüter meines Bruders?“
Denn wir sind es; was soll der Mensch sonst sein, außer Jäger und Sammler, und wer wollte sich damit schon begnügen, zumal ein ganzes Leben lang… Und so würden wir auch erkennen, wo und wann und wie genau wir Hüter und Hüterin des Bruders und der Schwester sein können und dürfen; vom Sollen soll erst einmal gar nicht dräuend und bedrängend die Rede sein. Licht bringen in die Dunkelheit eines Menschen: Das scheint mir ein guter und einfacher und wirkungsvoller Vorsatz für die Fastenzeit der verlängerten Tage zu sein!
Einen hellen Tag wünscht Ihnen Monsignore Peter Schallenberg aus Paderborn.
