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Das Geistliche Wort | 03.05.2026 | 08:40 Uhr

Gleichberechtigung

Wir haben da ein Problem in der Kirche, liebe Hörerinnen und Hörer! Zumindest nehme ich das so wahr. Ich bin Domvikar Mathias Fritz aus Aachen und zähle mit Anfang 40 zu den jüngeren Mitgliedern in der Katholischen Kirche. Wir haben da ein Problem. Und das bekomme ich nicht nur vorgeworfen, ich erlebe es tatsächlich auch selbst: Mein Leben in der modernen Gesellschaft passt nicht mehr zu dem, wie die Kirche organisiert ist, der ich angehöre und für die ich tätig bin. Ich sage nur: Demokratie, Transparenz von Entscheidungen und der Umgang mit wirtschaftlichen Ressourcen. Aber eines brennt mir heute besonders unter den Nägeln. Das ist das Problem mit der Gleichberechtigung.

Guten Morgen!


Musik 1: Kate Bush, This woman´s work


Bereits 1949 stand zwar im deutschen Grundgesetz Artikel 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Aber eine rechtliche Anwendung auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts wurde erst am 3. Mai 1957, also heute vor 69 Jahren vom Deutschen Bundestag festgeschrieben im sogenannten Gleichberechtigungsgesetz. Hört sich spitzfindig an, spiegelt aber wider, wie schwierig es war, dass sich in Deutschland die Gleichberechtigung durchsetzt. So ging es unter anderem konkret um folgendes: Der Ehemann hatte in allen Eheangelegenheiten nicht mehr das Recht am Ende zu entscheiden. Die Ehefrauen durften nun ohne die ausdrückliche Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten, allerdings mit einer Einschränkung: Die Erwerbstätigkeit durfte die Haushaltsführung nicht vernachlässigen. Und die Ehefrauen durften seitdem das Vermögen selbst verwalten, das sie in die Ehe miteingebracht hatten. Offenbar brauchte es eine gewisse Zeit, um das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) an das Grundgesetz anzupassen. Und ich glaube, wir haben es gesellschaftlich bis heute noch nicht geschafft, diese Gleichberechtigung voll umzusetzen. Ich sage nur: gleicher Lohn für gleiche Arbeit von Frauen und Männern.

Dabei ist doch klar, was die katholische Theologin Margit Eckholt aus Osnabrück deutlich so benennt: Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen [ist] ein unveräußerliches Grundrecht.“[1] Und historisch betrachtet ist es schon erstaunlich, dass dieses unveräußerliche Recht eigens gefördert werden muss. Denn erst vier Jahre nach der Wiedervereinigung geht der Bundestag nochmal an das Grundgesetz heran, um einen Satz zu ergänzen. Seitdem heißt es dort: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Aber die Gesellschaft verändert sich. Und so gehen seit einigen Jahren die Diskussionen darüber hinaus und nehmen auch Menschen in den Blick, die sich nicht den klassischen Geschlechtern von Mann und Frau zuordnen lassen. Auch werden bewusst die Rechte von Kindern und Jugendlichen stärker betont. Müssen diese nicht auch in unser Grundgesetz aufgenommen werden, so frage ich mich.


Musik 2: Michael Jackson, Heal the world


Die Gleichberechtigung ist im Grundgesetz verankert. Aber weder in unserer Gesellschaft noch in der Katholischen Kirche ist dies vollumfänglich umgesetzt. Momente von Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sozialer Klasse, Bildung, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion finden immer noch statt und mir scheint es: der Ton ist rauer geworden in unserem Land und auch anderswo. Und erschreckend ist doch: die Zahl der politisch[2] motivierten Straftaten ist gestiegen.[3] Dazu zählen unter anderem Hasskriminalität, also Straftaten, die sich gegen Menschen richten aufgrund ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, sozialen Status, physischen und/oder psychischen Behinderung oder Beeinträchtigung, Geschlecht/geschlechtlichen Identität, sexuellen Orientierung, äußeren Erscheinungsbildes.[4] Das ist für mich alles ein Indiz dafür, dass Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist. Und ja, wir haben ein Problem, denn auch wenn Kirche diese Straftaten immer wieder verurteilt und sich politisch stark gegen Diskriminierung stellt: Gleichberechtigung ist auch in der Kirche noch nicht verwirklicht. Viele kirchliche Texte heben zwar die Gleichheit aller Menschen hervor und es wird auch oft von der gleichen Würde gesprochen. Aber in der Realität bleibt die Gleichheit doch irgendwo auf dem Stand vergangener Jahrhunderte. Dabei hatte vor gut 60 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil noch die Richtung der Gleichberechtigung eingeschlagen. Dort heißt es in dem Text „Gaudium et Spes“ unter anderem:

„Da alle Menschen eine […] Seele haben und nach Gottes Bild geschaffen sind, [… und, M.F.] sich derselben göttlichen Berufung und Bestimmung erfreuen, darum muss die grundlegende Gleichheit aller Menschen immer mehr zur Anerkennung gebracht werden.

Gewiss, was die verschiedenen physischen Fähigkeiten und die unterschiedlichen geistigen und sittlichen Kräfte angeht, stehen nicht alle Menschen auf gleicher Stufe. Doch jede Form einer Diskriminierung […] muss überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht. Es ist eine beklagenswerte Tatsache, dass jene Grundrechte der Person noch immer nicht überall unverletzlich gelten; wenn man etwa der Frau das Recht der freien Wahl des Gatten und des Lebensstandes oder die gleiche Stufe der Bildungsmöglichkeit und Kultur […] verweigert.“[5] Und die katholische Theologin Margit Eckholt führt dazu weiter aus: „Gleichheit und Würde aller Glieder der Kirche bilden die grundlegende Norm im Verhalten zueinander.“[6] Aber sie stellt auch kritisch fest: „Frauen sind in Führungspositionen der Kirche tätig, als Leiterinnen von Seelsorgeämtern oder Akademien, als Justiziarinnen, als Präsidentin der Caritas oder Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz. Nicht möglich ist jedoch der Zugang von Frauen zum sakramentalen Amt, das heißt die Weihe zur Diakonin, Priesterin oder Bischöfin.“[7]


Musik 3: Loreena McKennitt, The mystic´s dream


Als Theologe frage ich mich natürlich: Gibt es Spuren der Gleichberechtigung, die in der Bibel und bei Jesus grundgelegt sind? Bereits ganz am Anfang der Bibel steht im Schöpfungsbericht: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen. Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“[8]

Alle Menschen sind also ein Bild Gottes. „Alle Menschen“ steht dort. Auch mit der deutlichen Erklärung, dass sie männlich und weiblich sind. Und genau daran erinnert Jesus, wenn er offen mit Menschen aller Geschlechter spricht, ihnen hilft, sie wieder aufbaut und ihnen Mut macht. Mir kommen da eben nicht nur die Geschichten in den Sinn, wo er mit seinen Jüngern zu tun hat, sondern auch mit vielen Frauen wie den Schwestern Maria und Martha, wo er mit Maria von Magdala, mit einer syro-phönizischen Frau, mit einer Frau am Jakobsbrunnen spricht. In den vielen Worten und Taten von Jesus erkenne ich, er behandelt die Menschen unabhängig ihres Geschlechts und unabhängig von ihrem sozialen Status. Jesus folgt damit der ursprünglichen Schöpfungsordnung. Er behandelte Frauen gleichberechtigt entsprechend ihrer ursprünglichen Würde.

Wenn ich mir den Umgang Jesu mit den Frauen anschaue, dann ist er anders, ist revolutionär und ungezwungen. Immerhin wird in den Evangelien berichtet: Frauen gehören ganz selbstverständlich zum Kreis der Nachfolgenden, auch wenn oft nur die Jünger namentlich genannt werden. Und das Wunder der Auferstehung an Ostern zeigt sich als erstes den Frauen. Ohne diese Frauen wäre die Botschaft von Ostern nicht direkt zu den Jüngern getragen worden. Denn diese saßen am Ostermorgen noch voller Angst und Schrecken in einem Haus fest. Und Jesus erscheint nach seinem Tod als erster Maria von Magdala. Hier wird deutlich: Sie gehört zu den Aposteln und wird auch so in der kirchlichen Tradition bezeichnet. Man kann sogar sagen: Die Botschaft von Ostern wurde gerade den Frauen anvertraut, die Jesus nicht verraten haben und vom Kreuz geflohen sind. Sie bekommen damit eine Schlüsselrolle, um als erste die wichtigste Botschaft des Christentums in Worte zu fassen und zu verkündigen.

Ich frage mich: Die Männer, die die Geschichte von Jesus aufgeschrieben haben, hätten doch einfach verschweigen können, dass Jesus den Frauen so besondere Aufgaben zugetraut hat, dass er ihnen zuerst erschienen ist. Aber sie haben es nicht getan. Sie setzten nicht auf Männerdominanz, wie sie zur Zeit Jesu vorherrschte, sondern auf die Kraft der Frauen, die gesellschaftlich eine Nebenrolle spielten. Und der Vertraute der letzten drei Päpste und Prediger des päpstlichen Hauses, Pater Raniero Cantalamessa geht sogar so weit und sagt: „Die Tatsache, dass nicht verschwiegen wurde, dass Frauen die ersten Zeuginnen waren, ist ein sicheres Zeichen für die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien.“[9] Wenn das so ist – und ich stimme dem zu – gehört dann nicht auch heute den Frauen eine zentrale Rolle in der Verkündigung des Glaubens, die ihnen bisher in Gottesdiensten und in anderen Aufgaben so oft noch verwehrt wird?


Musik 4: Taylor Swift, Anti-Hero


Seit der Antike, in der die Gleichberechtigung der Frauen überhaupt keine nennenswerte Rolle gespielt hat, ist viel passiert bis heute. Ich glaube aber, da ist noch Luft nach oben gerade auch in der Kirche. Oft wird denjenigen, die die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche fordern, vorgeworfen, das sei eine typisch deutsche, europäische oder westliche Sicht. Und wenn Frauen das weibliche Ideal der Mutterschaft leben, dann würden sie schon alles erfüllen, was Gott von ihnen fordert. Dagegen haben sich zahlreiche Personen weltweit rund um die vergangenen Treffen zur Weltsynode in Rom zu Wort gemeldet. Sr. Josée Ngalula, Ordensschwester im Orden der „Soeurs de Saint André“ zum Beispiel. Sie ist in der Aus- und Weiterbildung von Laien in im Erzbistum Kinshasa tätig, in der Demokratischen Republik Kongo. Sie sagt:

„Was die Katholikinnen selbstangeht, so haben christliche Afrikanerinnen traditionelle misogyne Redeweisen so sehr verinnerlicht, dass sie das Evangelium von ihrer Würde in Jesus Christus kaum glauben können.“[10]

Oder Nontando Margaret Hadebe, eine Theologin aus Südafrika und Gastprofessorin in Regensburg. Sie betont auch aus afrikanischer Perspektive:

„Die Ausbildung von Frauen zu Seelsorgerinnen und geistlichen Begleiterinnen braucht viel mehr Unterstützung. […] Der Diakonat für Frauen muss wiederhergestellt werden.“[11]

Ich komme noch einmal auf das Verhalten Jesu zurück, sein unvoreingenommener Umgang mit allen Menschen. Dann finde ich ermutigend, was er einmal sagt, denn es klingt wie ein Ausblick:

„Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“[12]

In meinen Augen hat Jesus in seinen Worten und Werken versucht, neue Akzente der Gleichberechtigung zu setzen. Können wir dann nicht seinen Worten und Werken folgen und das weiter verwirklichen? Können wir in diesem Sinne nicht „noch größere Werke vollbringen als diese“? Mir fällt dazu sofort ein: Frauen sollten zu den Ämtern der Kirche zugelassen werden. Wie wäre es Frauen in einem ersten Schritt zu Diakoninnen zu weihen? Und wäre es so skandalös, wenn wir doch mal eine Päpstin hätten? Das irritiert vielleicht den einen oder die andere. Aber wäre es nicht ein Zeichen der Gleichberechtigung und stände damit für Gerechtigkeit? Ich kann nur sagen: Meinem Glauben würde es einen Ausdruck geben, wie ich ihn in der Gestalt und dem Wirken Jesu vorgegeben sehe.

Und vielleicht haben unsere Verfassung und weite Teile unserer Gesellschaft bereits viel besser verstanden, was Jesus damals wollte. Jedenfalls macht mich der heutige Tag nachdenklich, an dem vor 69 Jahren vom Deutschen Bundestag das Gleichberechtigungsgesetz festgeschrieben wurde. Und er erfreut mich, weil er mir zeigt, was doch alles möglich ist.


Musik 5: Birdy, Let it all go


Mit diesen Gedanken grüßt Sie aus Aachen, Domvikar Matthias Fritz


[1] Eckholt, Margit, Gleichberechtigung. Warum erhalten Frauen keinen Zugang zu allen kirchlichen Ämtern?, https://fis.uos.de/vivouos/display/wf14v06 (Stand: 17. Januar 2026).

[2] https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKZahlen2024/PMKZahlen2024.html (Stand: 17. Januar 2026).

[3] https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2024/Presse2024/241119_PM_BLB_Straftaten_gegen_Frauen.html (Stand: 17. Januar 2026).

[4] https://www.lka.polizei-nds.de/praevention/vorbeugung_themen_und_tipps/was-ist-hasskriminalitat-116073.html (Stand 17.02.2026).

[5] Vgl. https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html (Stand 18.02.2026).

[6] Eckholt, Margit, s.o., [7] Ebd., [8] Einheitsübersetzung, Genesis 1,26f., [9] Nach Braun, Annegret, Ein Revolutionär in Gottes Auftrag – Jesus und die Gleichberechtigung, s. https://www.evangelisch.de/inhalte/156130/21-05-2019/jesus-und-die-gleichberechtigung (Stand: 17. Januar 2026) bzw. Seewald, Peter, Jesus Christus. Die Biografie, München 2009, 494. S. auch: „This was the surest way to make the resurrection hardly credible at all. The testimony of a woman carried no weight whatever in a judgment.“, in: Cantalamessa, Raniero, And there were also some women there...: https://www.piercedhearts.org/scriptures/commentaries_sunday/cantalamessa/lent_sermons_2007/good_friday.htm (Stand: 27. Januar 2026).

[10] Ngalula, Josée, Hoffnung auf Veränderung, in: Gottes starke Töchter:
Frauen und Ämter im Katholizismus weltweit (Herder Thema), Freiburg i. Breisgau, Februar 2024, 14.

[11] Hadebe, Nontando Margaret, Wir können nicht immer dasselbe Gespräch führen, ebd., 15f., [12] Einheitsübersetzung, Johannes 14,12.


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