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Kirche in WDR 2 | 19.10.2026 | 05:55 Uhr
Die Kühlschrankmethode
Heute ist wieder Montag. Und weil heute Montag ist ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Tja. Und vielleicht erwarten Sie ja heute Abend ein paar Leute zum Essen. Und da frage ich mich: Was für ein Kochtyp sind Sie? Der Kochbuchtyp? Mit exquisitem Rezept und langer Zutatenliste? Mit sorgfältigem Einkauf und womöglich sogar einem Probekochen, damit auch alles makellos gelingt?
Oder gehören Sie zur zweiten Sorte: Dem
Kühlschranktyp? Der Kühlschranktyp macht die Kühlschranktür auf und guckt, was
da drin los ist. Neben einer schiefen Gurke, einem betagten Glas Apfelkompott
mit verdächtigen grünen Flecken findet er, sagen wir, einen prächtigen halben
Kürbis, einen Becher Sahne und ein paar Kartoffeln. Im Schrank gibt’s eine Dose
Kokosmilch, oh, und ein noch unbenutztes Gläschen mit Sambal Olek. Schön
scharf. Das sieht doch nach einer Kürbissuppe aus, denkt der Kühlschranktyp …
Aber Moment, Mist, kein Ingwer da. Hm.…
Er
klingelt nebenan. Und seine Nachbarin reicht eine Ingwerknolle durch die Tür,
als er danach fragt. Die sieht sogar frisch aus. Und eine Tüte mit Kürbiskernen
hat Frank in der zweiten Etage. Und jetzt legt der Kühlschranktyp los. Die
Gäste kommen, alle tunken ihr Brot in die Suppe, und alle seufzen: Wie
originell! Und wie lecker!
Ich finde diese Kühlschrankmethode wunderbar. Die klingt nämlich schwer nach dem berühmten Brotwunder aus der Bibel. Da hat Jesus seine skeptischen Jünger ja auch gefragt: „Leute! Was haben wir da? Fünf Brote und zwei Fische? Wie gut. Da kann man was draus machen.“
Die Kühlschrankmethode nennt man in der Ökonomie übrigens „Effectuation“. Manche Firma hat mit dem Blick in ihren Firmenkühlschrank schon ein dolles neues Produkt kreiert. Lego-Steine, z.B. Oder Post-it-Haftnotizen. Oder die Mikrowelle..grad für Kühlschranktypen manchmal wichtig. Ich finde Effectuation wunderbar. Weil dieses Denken so zuversichtlich ist und weil Bedenkenträger keine Chance haben. Den halben Kürbis entdecken und in ihm schon, hmmm, die leckere Suppe riechen. Überschlagen, was noch fehlt und grübeln, wo es zu finden ist. Akzeptieren, was erstmal noch fehlt und das die Suppe vielleicht nicht perfekt schmeckt. Komplizen suchen, die Lust haben zu helfen und das dazu tun, was ich selbst nicht habe.
Ich liebe das und arbeite gern so. Ein
Beispiel: Neulich finde ich in meinem pastoralen Kühlschrank: Ein großes
Seniorenwohnheim in der Nachbarschaft. Einen aktiven Bewohnerbeirat. Den
Wunsch, für die Bewohnerinnen und Bewohner einen Gesprächskreis zu gründen über
Glauben, Religion und Theologie. Einen schönen Raum gibt’s bei ihnen im Haus.
Mit Blick auf den Rhein sogar. Und Kaffee und Keksen.
Da ist Hildegard, eine pensionierte Kollegin,
die hat sogar Erfahrung in der Arbeit mit Senioren. Und möchte mitmachen. Und eine
90jährige, die das Plakat macht. Mit dem Computer sogar. Wie das aussieht? Ist
egal. Es ist da. Alle können jetzt lesen: hier kommt was. Aus all dem haben wir
den Vincenztreff zubereitet. Und zum ersten Treffen sind sage und schreibe 25 Seniorinnen
und Senioren gekommen. Ist das nicht toll? Nicht abwarten, bis das Essen
perfekt ist. Sondern loslegen mit dem, was da ist. Und sich über das Wunder
freuen, was viele zusammen hinkriegen. Nicht nur in einem Seniorenheim. Und
nicht nur an einem Montagmorgen.
