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Kirche in WDR 2 | 15.04.2026 | 05:55 Uhr
Im Fundbüro
Das Gebäude mit dem Schild „Fundbüro“ sieht genau so aus, wie die Frau es erwartet hat: Quadratisch, praktisch, grau. Als sie eintritt, sieht sie einen etwas schmächtigen Herrn mittleren Alters. Der steht hinter einem Tresen, lächelt sie freundlich an und sagt: „Guten Tag. Womit kann ich dienen?“
„Also“, sagt die Frau. „Ich habe hier eine Unverschämtheit. Die hat mein Nachbar fallen lassen und ich dachte: Bevor sich diese Unverschämtheit bei mir festtritt, bringe ich sie lieber her. Vielleicht nimmt der Kerl sie ja irgendwann zurück, dann kann er sie bei Ihnen abholen.“ „Gut“, sagt der schmächtige Herr und beginnt, ein Formular auszufüllen. „Eine Unverschämtheit.“
„Dann habe ich hier einen Stapel Ideen, die verschiedene Leute bei mir liegen gelassen haben. Ideen, was ich alles mit meinem Leben machen kann. Kluge Tipps für Urlaubsziele, Video-Clips, Cafés, Shops, Lebensratgeber und so weiter.“ Also schreibt der Herr auf das Formular: „Ein Stapel Ideen.“ „26?“ schätzt er. „Mag sein“, antwortet die Frau. „Ich hab‘ nicht nachgezählt. Auf jeden Fall sind hier auch noch die ganzen Ansprüche, die ich gefunden habe. Bei mir zu Hause, im Büro, auf der Straße, bei meiner Schwiegermutter und ich weiß nicht, wo noch alles. Ansprüche, wie ich sein muss und wie ich aussehen soll. Was ich sagen darf und was nicht, was ich besser machen kann und was ich alles noch zusätzlich übernehmen soll.“
Als die Frau das alles auf dem Tresen aufgestapelt hat, schaut sie der Herr nachdenklich an. Dann sagt er: „Und diesen riesigen Haufen an fremden Ideen und Ansprüchen, dazu noch die Unverschämtheit Ihres Nachbarn, das haben Sie alles behalten und mit sich herumgeschleppt? Das nächste Mal dürfen Sie ruhig früher kommen, bevor sich bei Ihnen so viel ansammelt.“
„Danke, das werd‘ ich machen“, sagt die Frau und ist erleichtert, weil der Herr hinter dem Tresen sie immer noch freundlich anschaut. Obwohl er jetzt so viel Arbeit hat mit den ganzen Sachen, die sie hierlässt. Und die Frau erinnert sich, wie ihr als Kind immer erzählt worden ist, dass Gott auch freundlich auf die Menschen guckt. Ihnen die Lasten abnimmt und das, was sie traurig macht oder bedrückt. Vorausgesetzt natürlich, sie bringen das ganze Zeug tatsächlich zu ihm.
Aber bevor die Frau weiter darüber nachdenken kann, klingelt schon ihr Handy. Denn gleich ist es 6:00 Uhr und ein neuer Tag beginnt, der neue Ansprüche stellt. Während sie also auf ihr Handy drückt, damit das endlich ruhig ist, denkt die Frau: „Schade, dass es so ein Fundbüro nicht wirklich gibt.“
Allerdings, der Gedanke, dass sie Gott alles auf den Tresen legen kann, was sie loswerden möchte, dieser Gedanke gefällt ihr. Sie nimmt sich vor, das öfter zu machen. Bevor sich bei ihr wieder so viel ansammelt.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
