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Das Geistliche Wort | 13.09.2026 | 08:40 Uhr
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Hirte
Autor 01:
Guten Morgen! Auf meinem Heimweg fahre ich oft durch den äußeren Grüngürtel in Köln. Eine Strecke, die viele Kölnerinnen und Kölner kennen. Große Wiesen. Alte Bäume. Breite Wege für Fahrräder, Spaziergänger und manchmal sogar Reiter auf Pferden. Und meistens ist dort ziemlich viel Bewegung. Jogger laufen ihre Runden. Menschen gehen mit ihren Hunden spazieren. Fahrräder ziehen vorbei. Autos rollen über die Straße. Alle sind irgendwohin unterwegs. Auch ich. Nach einem Termin oder dem Einkaufen fahre ich nach Hause. Meistens läuft alles ziemlich routiniert. Man kennt die Strecke. Weiß, wo die Kurven kommen. Wo die Ampeln stehen. Aber manchmal passiert etwas, das mich langsamer werden lässt. Dann sehe ich auf einer der Wiesen eine Schafherde. Mitten in der Stadt. Weiße, wollige Punkte auf dem grünen Gras. Einige stehen dicht beieinander. Andere ziehen langsam über die Wiese. Manche liegen einfach da und ruhen sich aus. Und ein Stück weiter steht der Schäfer. Ich muss dann fast immer einen Moment hinschauen. Denn dieses Bild wirkt anders als alles andere um mich herum. Während Autos vorbeifahren und Menschen eilig ihren Weg gehen, steht dort eine Herde Schafe. Ruhig. Gelassen. Fast so, als würde die Zeit für einen Moment langsamer laufen.
Musik 01: Sheep
Künstler: Pink Floyd; Album: Echoes: The Best of Pink Floyd; Label: LC:
0:00-0:42 (dann unter Autor ausblenden)
Autor 02:
Wenn ich die Schafe sehe, bleibe ich oft mit dem Blick dort hängen. Ich stehe an der roten Ampel und sehe, wie die Schafe langsam über die Wiese ziehen. Wie sie hier und da stehen bleiben und grasen. Wie einige einfach liegen und wiederkäuen. Und ich sehe den Schäfer. Er steht ein Stück abseits. Manchmal geht er ein paar Schritte weiter. Manchmal spricht er mit seinem Hund. Aber er wirkt nie gehetzt. Alles scheint seinen eigenen Rhythmus zu haben. Das fällt mir besonders auf, weil rundherum alles so schnell ist. Die Stadt lebt von Bewegung. Von Terminen. Von Tempo. Hier aber wirkt es, als hätte jemand den Takt ein wenig verlangsamt. Eine Herde Schafe auf einer Wiese. Ein Schäfer, der auf sie achtet. Ein Bild, das fast aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Und doch gehört es genau hierher. Mitten nach Köln. Vielleicht bleibe ich auch deshalb einen Moment länger mit dem Blick dort hängen. Weil dieses Bild eine Ruhe ausstrahlt, die im Alltag nicht selbstverständlich ist. Manchmal denke ich: Diese Schafe scheinen genau zu wissen, wo sie hingehören. Und der Schäfer weiß, wo sie sind.
Vielleicht berührt mich dieses Bild auch deshalb so sehr, weil es mich an einen alten Satz aus der Bibel erinnert. Jesus sagt einmal: „Ich bin der gute Hirte.“ Ein Satz, der heute fast ein bisschen fremd klingt. Die meisten von uns haben im Alltag mit Hirten nichts mehr zu tun. Viele leben in Städten. Arbeiten in Büros oder Werkstätten. Fahren Bahn oder Auto. Ein Hirte scheint aus einer ganz anderen Welt zu stammen. Und doch begegnet mir dieses Bild manchmal auf meinem Heimweg durch den Grüngürtel. Ein Hirte. Eine Herde. Plötzlich wirkt dieser Satz aus dem Evangelium gar nicht mehr so weit entfernt. Zur Zeit Jesu war dieses Bild Alltag. Menschen sahen Hirten auf den Feldern. Sie kannten die Herden. Und sie wussten: Ein Schaf allein findet nur schwer den richtigen Weg. Ein Hirte kennt seine Tiere. Er merkt, wenn eines fehlt. Er weiß, wo gutes Weideland ist. Und er führt die Herde dorthin. Im Nahen Osten treibt der Hirte seine Schafe nicht einfach vor sich her. Er geht voran. Und die Schafe folgen ihm. Weil sie seine Stimme kennen. Vielleicht ist das der Grund, warum Jesus dieses Bild gewählt hat. Der gute Hirte kennt seine Schafe. Nicht als große Masse. Sondern jedes einzelne. Und während ich durch den Grüngürtel fahre und auf die Wiese mit den Schafen schaue, merke ich: Dieses alte Bild aus der Bibel ist gar nicht so weit weg. Es steht manchmal einfach dort auf einer Wiese in Köln.
Musik 02: September Skies
Komposition/Interpret:
Nils Wülker; Album: Just Here, Just Now; Label: EAR TREAT music
0:20-1:02
Autor 03:
„Der gute Hirte kennt seine Schafe.“ Dieser Satz aus dem Johannesevangelium hat eine große Kraft. Der Hirte kennt seine Schafe. Das bedeutet: Die Tiere sind für ihn nicht einfach eine Herde, die irgendwie über die Wiese zieht. Er kennt sie. Er achtet auf sie. Wer einmal eine Schafherde genauer beobachtet hat, merkt schnell: Für Außenstehende sehen viele Tiere ziemlich ähnlich aus. Wolle. Vier Beine. Ein ruhiger Blick. Aber für den Schäfer ist das anders. Er erkennt seine Tiere. Er merkt, wenn eines fehlt. Er sieht, wenn eines krank ist oder sich anders verhält als sonst. Der Hirte kennt seine Schafe. Vielleicht berührt mich dieser Gedanke auch deshalb so sehr, weil viele Menschen heute genau danach suchen: gesehen zu werden. Im Alltag geht vieles schnell. Aufgaben werden erledigt. Listen abgearbeitet. Nachrichten geschrieben. Termine geplant. Und manchmal fühlt sich das Leben dabei ein bisschen an wie ein großes System. Ich habe Kundennummern. Versicherungsnummern. Benutzernamen und Passwörter. All das hilft, Dinge zu ordnen. Aber manchmal frage ich mich: Wer sieht mich eigentlich wirklich? Nicht nur meine Aufgaben. Nicht nur meine Termine. Meine Bestellungen, mein Konto. Sondern mich. Der Satz Jesu vom guten Hirten erzählt eine andere Geschichte. Er sagt: Gott kennt die Menschen. Nicht nur als Teil einer großen Menge. Sondern jeden einzelnen. Mit seinem Namen. Mit seiner Geschichte.
Vor einiger Zeit hatte ich selbst so einen Moment. Kein großer Einbruch. Eher ein Tag, an dem innen mehr los war, als man von außen sehen konnte. Vieles lief gleichzeitig. Nachrichten, Termine, Gedanken. Und ich habe noch gesagt: „Ist schon alles okay.“ Obwohl ich gemerkt habe, dass es nicht stimmt. Abends saß ich mit meinem Mann auf dem Sofa. Zwei Tassen Tee, das übliche Durcheinander auf dem Tisch. Und dann sagte er irgendwann nur: „Du bist heute gar nicht richtig da.“ Kein Vorwurf. Eher leise. Aber genau dieser Satz hat mich getroffen. Weil ich gemerkt habe: Da sieht mich jemand wirklich. Nicht nur das, was ich erledige. Nicht nur das, was ich nach außen hin hinbekomme. Sondern mich. Ich glaube, viele sehnen sich nach genau so einem Blick. Nicht nach Aufmerksamkeit um jeden Preis. Sondern nach einem Menschen, der merkt, wenn etwas nicht stimmt. Wenn Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte“, dann höre ich auch das: Gott sieht mich. Nicht oberflächlich. Sondern so, dass er merkt, wenn ich mich innerlich zurückziehe.
Es gibt noch einen zweiten Gedanken im Bild vom guten Hirten. Der Hirte kennt nicht nur seine Schafe. Er kennt auch den Weg. Zur Zeit Jesu war das entscheidend. Die Landschaft im Nahen Osten ist oft karg. Weideplätze sind nicht überall zu finden. Wasserstellen auch nicht. Ein Hirte musste wissen, wohin er mit seiner Herde gehen kann. Wo noch frisches Gras wächst. Wo ein Bach oder eine Quelle zu finden ist. Und manchmal musste er auch wissen, welche Wege gefährlich sind. Der Hirte geht voran. Die Schafe folgen ihm. Nicht, weil sie jeden Weg selbst kennen. Sondern weil sie dem vertrauen, der sie führt. Auch dieser Gedanke berührt mich. Denn mein Leben fühlt sich manchmal ein bisschen an wie eine lange Strecke, auf der ich unterwegs bin. Es gibt viele Entscheidungen. Viele Möglichkeiten. Viele Wege. Und manchmal ist gar nicht so leicht zu erkennen, welcher Weg der richtige ist. Manchmal habe ich das Gefühl, mich ein wenig zu verlaufen. Nicht auf einer Landkarte. Nicht auf dem Heimweg durch den Grüngürtel in Köln. Aber im Leben. Gerade dann kann dieses alte Bild vom guten Hirten eine neue Bedeutung bekommen. Es sagt: Du musst nicht alles allein wissen. Du musst nicht jeden Weg allein finden. Es gibt jemanden, der den Überblick hat. Der vorausgeht. Der den Weg kennt.
Musik 03: Goodbye Sorrow
Komposition/Interpret:
Nils Wülker; Album: Just Here, Just Now; Label: EAR TREAT music
0:00-0:41 (danach unter Autor ausblenden)
Autor 04:
Wenn ich im Grüngürtel an der Wiese mit den Schafen vorbeifahre, fällt mir noch etwas auf. Der Schäfer bleibt in der Nähe seiner Herde. Er steht nicht irgendwo weit entfernt. Er bleibt in ihrer Nähe. Er beobachtet, was geschieht. Er merkt, wenn sich etwas verändert. Und manchmal bewegt sich die Herde langsam weiter. Dann geht auch der Schäfer weiter. Dieses Bild erinnert mich an einen anderen bekannten Satz aus der Bibel. Aus dem 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Der Psalm erzählt von einem Gott, der nicht nur von weitem auf die Menschen schaut. Sondern von einem Gott, der begleitet. Der führt. Der mitgeht. Später heißt es dort sogar: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir.“ Diese Worte haben schon viele Menschen begleitet. In guten Zeiten. Und mehr noch in schweren Momenten. Vielleicht liegt darin eine der stärksten Botschaften des Bildes vom guten Hirten: Dass Gott nicht nur irgendwo über dem Leben steht. Sondern dass er mitgeht. Durch die hellen Tage. Und durch die dunkleren.
Manchmal stelle ich mir vor: Auch für einen Schäfer ist nicht jeder Tag einfach. Er muss früh aufstehen. Er muss auf seine Tiere achten. Wege finden, auf denen die Herde genug Futter bekommt. Und trotzdem strahlt dieses Bild vom Schäfer und seiner Herde eine große Ruhe aus. Vielleicht liegt das daran, dass hier etwas sichtbar wird, das im Alltag manchmal verloren geht: Vertrauen. Die Schafe vertrauen ihrem Hirten. Sie folgen ihm, wenn er weitergeht. Sie bleiben zusammen als Herde. Und sie verlassen sich darauf, dass der Hirte weiß, wohin der Weg führt. Vertrauen ist etwas Kostbares. Es wächst nicht von heute auf morgen. Es entsteht durch Erfahrung. Durch Nähe. Durch Verlässlichkeit. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Jesus dieses Bild gewählt hat. Der gute Hirte ist jemand, dem man vertrauen kann. Jemand, der seine Schafe kennt. Jemand, der sie nicht allein lässt.
Mein Leben verläuft nicht immer so ruhig wie eine Schafherde auf einer Wiese. Manchmal wird es unübersichtlich. Es gibt Entscheidungen, die mich beschäftigen. Fragen, auf die ich keine schnellen Antworten finde. Momente, in denen ich mich unsicher fühle. Manchmal fühlt sich das Leben ein bisschen an wie ein Weg, auf dem plötzlich viele Abzweigungen auftauchen. Welche Richtung ist die richtige? Und manchmal gibt es auch Zeiten, in denen ich mich verloren fühle. Nicht unbedingt äußerlich. Aber innerlich. Vielleicht kennen auch Sie solche Momente. Momente, in denen man sich fragt: Wie geht es eigentlich weiter? Der Gedanke vom guten Hirten spricht genau in solche Situationen hinein. Er sagt: Du bist nicht allein unterwegs. Gott kennt den Weg. Und er geht ihn mit. Das bedeutet nicht, dass jeder Weg immer leicht ist. Auch der 23. Psalm verschweigt das nicht. Dort ist von grünen Auen die Rede. Von frischem Wasser. Aber auch von einem dunklen Tal. Das Leben kennt beides. Helle Wege. Und dunklere Abschnitte. Die Zusage des guten Hirten lautet nicht: Alles wird immer einfach sein. Die Zusage lautet: Du gehst diesen Weg nicht allein.
Ich muss dabei an ein Gespräch denken. Ein Mensch, den ich schon länger kenne, erzählte von schweren Wochen. Krankheit, Untersuchungen, Warten. Und dazu diese Frage, die in solchen Zeiten schnell da ist: Gott, wo bist du eigentlich? Im Gespräch fiel der Satz: „Vom guten Hirten habe ich gerade nicht viel gemerkt.“ Ich fand diesen Satz ehrlich. Denn dunkle Wege fühlen sich nicht automatisch getröstet an. Und schwere Zeiten verlieren nicht sofort ihren Schrecken, nur weil man glaubt. Einige Wochen später haben wir uns wiedergesehen. Da war nicht plötzlich alles leicht. Aber dieser Mensch sagte: „Ich glaube, ich bin doch nicht allein da durchgegangen.“ Nicht, weil jede Angst weg gewesen wäre. Sondern weil etwas getragen hat. Menschen, die geblieben sind. Ein Gebet. Ein Psalmwort. Und langsam die Ahnung: Gott war nicht weg. Vielleicht nicht laut. Aber da. Genau so verstehe ich das Bild vom guten Hirten: nicht als billige Beruhigung. Sondern als Zusage, dass niemand schwere Wegstrecken allein gehen muss.
Musik 04: Northern lights
Komponist: Nils Wülker; Interpret: Nils Wülker & Tim Allhoff; Album: Rays of Winter Sun – EP; Label: Warner Music Group Germany Holding GmbH; LC:
0:14-1:24
Autor 05:
Wenn ich das nächste Mal durch den Grüngürtel fahre und die Schafe auf der Wiese sehe, werde ich vielleicht wieder einen Moment langsamer fahren. Nicht nur, weil es ein schönes Bild ist. Sondern weil es mich an etwas erinnert. An diesen alten Satz aus der Bibel: „Ich bin der gute Hirte.“ Mitten in einer großen Stadt. Mitten in einem Alltag voller Termine und Aufgaben taucht plötzlich dieses alte Bild auf. Ein Hirte. Eine Herde. Und ein Gedanke, der bis heute trägt. Der Gedanke, dass Gott Menschen kennt. Dass er sie begleitet. Dass er aufmerksam bleibt. Dass er merkt, wenn jemand sich verloren fühlt. Vielleicht liegt darin eine Hoffnung, die viele brauchen. Die Hoffnung, nicht allein durch das Leben gehen zu müssen. Die Hoffnung, dass jemand mitgeht.
Dieses Bild vom guten Hirten ist viele Jahrhunderte alt. Und doch ist es bis heute lebendig. Vielleicht gerade deshalb, weil es so einfach ist. Es erzählt von einem Gott, der nicht fern ist, sondern nah. Von einem Gott, der nicht antreibt, sondern führt. Von einem Gott, der nicht nur von oben auf das Leben schaut, sondern mitgeht. Wenn ich also das nächste Mal durch den Grüngürtel fahre und die Schafe auf der Wiese sehe, werde ich vielleicht wieder einen Moment stehen bleiben. Und mich an diesen Gedanken erinnern: Dass der Weg durch das Leben kein Weg ist, den ich allein gehen muss. Dass jemand mitgeht. Still. Unaufdringlich. Aber verlässlich. Wie ein guter Hirte. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf Ihren Wegen immer wieder solche Momente finden. Momente, in denen Sie spüren: Sie sind nicht allein unterwegs.
Ihr Pfarrer Oliver Kießig aus Köln.
Musik 5 (= Musik 3): Goodbye Sorrow
Komposition/Interpret:
Nils Wülker; Album: Just Here, Just Now; Label: EAR TREAT music
Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
