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Kirche in WDR 2 | 26.06.2026 | 05:55 Uhr
Sünde zu Sand
Eines schönen Tages hat Gott alle Sünden in Sand verwandelt. Von allen Menschen, auf der ganzen Welt. Die großen, die kleinen, die öffentlich breit getretenen und auch die heimlichen, unentdeckten Sünden. Alle sind zu Sand geworden.
Und so liegt auf einmal unheimlich viel von diesem Zeug in der Gegend herum. Berge von Sand, zum Teil irre hoch! Die Kinder sind natürlich begeistert. Sie graben Löcher, bauen Burgen und von den richtig hohen Sandbergen rollen sie laut kreischend herunter, so dass sie heute Abend ganz bestimmt in die Badewanne müssen.
Wir Erwachsenen dagegen stehen einfach nur vor dieser riesigen Menge aus Sand und staunen. Einige mit offenem Mund.
Interessanterweise schimpft niemand. Es fragt auch keiner: „Wo sollen wir mit dem ganzen Sand hin? Und wer soll das bezahlen?“ Denn alle wissen: „Ich hab‘ meinen Teil dazu beigetragen, dass das so viel geworden ist. Meine Sünden liegen auch irgendwo in diesen Sandbergen begraben!“ Von dieser Erkenntnis kann sich niemand freisprechen und das macht alle erst einmal stumm und betroffen.
Aber zum Glück weiß keiner, welcher Teil dieser Sandlandschaft von ihm stammt. Denn egal, welche Farbe die Sünden vorher gehabt haben - jetzt sehen sie alle gleich aus. Und niemand kann sie mehr auseinanderhalten.
„Unglaublich!“, sagt mein Nachbar, der neben mir steht und überraschenderweise als erster die Sprache wiedergefunden hat. Normalerweise redet er nie als erster. Aber weil er natürlich recht hat, erwidere ich: „Ja, stimmt. Unglaublich!“ „Und total befreiend“, fügt mein Nachbar hinzu. „Das ganze Zeug, was vorher in mir drin war, alles, was mir Herz, Nieren und Seele verstopft hat, das bin ich komplett los. Ist alles ‘raus! Ich glaub‘, ich hab‘ mich noch nie so befreit gefühlt!“ „Ja, stimmt. Ich auch nicht“, sage ich, weil ich derart beeindruckt bin von den ganzen Sandmassen, dass ich nicht schon wieder schlaue Sätze formulieren kann.
So stehen wir noch eine ganze Weile da, mein Nachbar und ich. Hören den Kindern zu, sehen, wie der Sand von einem leisen Wind mal hierhin, mal dorthin getragen wird. Bis schließlich mein Nachbar sagt: „Ich geh‘ jetzt meine Schubkarre holen. Irgendwer muss ja mal anfangen, den ganzen Kram hier wegzuräumen.“ „Ist gut“, sage ich. „Warte, ich helf‘ dir. Aber“, fällt mir ein, „ein paar Sandberge müssen wir für die Kinder stehen lassen.“ „Klar, das machen wir“, sagt mein Nachbar. „Und anschließend“, fügt er noch hinzu, „anschließend fangen wir alle ganz neu an.“
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
