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Das Geistliche Wort | 05.04.2026 | 08:40 Uhr
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Liebe an Ostern
Autor 1: Ostermorgen. Ganz früh schon bin ich auf, gehe hinunter und öffne die Terrassentür. Die Vögel singen und zwitschern in allen Klangfarben, es ist ein Konzert. Ich ziehe die Gartenschuhe an, spüre die kühle Luft auf dem Gesicht und greife den Korb mit den Eiern und den Süßigkeiten für die Kinder. Meine Frau kommt dazu, gemeinsam schlüpfen wir in die Rolle des Osterhasen. Wir gehen die Stufe von der Terrasse hinunter. Weich empfängt uns das feuchte Gras unter den Schuhen, als wäre es überrascht, dass wir schon auf sind. Was für ein Morgen, denke ich und atme tief: Ist nicht allein dieser Morgen eine leuchtende Auferstehung nach langer, dunkler Nacht? Die Natur wagt einen neuen Tag. Und dieses Frühjahr erst. Die Osterglocken und Tulpen stehen hoch aufgereckt, die Knospen werden grün, der Magnolienbaum blüht. Der Kirschbaum ist ein rosa Meer. Eine Auferstehung nach dem langen Winter.
Es ist Ostern. In vielen Kirchen wurde gestern Abend oder heute früh um sechs die Osternacht gefeiert nach sieben Wochen Fastenzeit und der Karwoche. In unserer Gemeinde in Neunkirchen bei Köln haben wir sie auch gefeiert – mit einem Gottesdienst, dem Entzünden der Osterkerze, selbst gebackenem Brot und einem Feuer. Eine Fülle von Bräuchen knüpft sich an dieses Fest im Frühling.
Nun spiele ich mit meiner Frau den Osterhasen. Eiersuchen im Garten gehört dazu. Ich stapfe über das Gras und meine Augen mustern und suchen Verstecke für Eier und Süßigkeiten. Ich genieße die Ruhe und die Neugier dieses frühen Morgens und überlege, ob die Höhle in der Astgabel des alten Fliederbaums vielleicht zu hoch ist für die Kinderaugen.
Eigentlich sind unsere Kinder aus dem Alter heraus, an dem man am Ostermorgen Eier sucht. Aber wenn dies nicht stattfindet, gibt es Protest. Das Suchen gehört einfach dazu. Seit sie klein sind. Beim Frühstück steht die Beute dann auf dem Tisch. Warum damit aufhören? Ich atme tief ein in der kühlen Morgenluft.
Eine der biblischen Ostergeschichten ist eine Gartengeschichte und erzählt vom frühen Morgen. Maria Magdalena, die Jüngerin Jesu, war Zeugin der Kreuzigung auf Golgatha. Sie stand Jesus nahe, hatte den Weg Jesu zur Hinrichtung begleitet. Sie hat das Sterben Jesu erlebt. Den stundenlangen Todeskampf am Kreuz bis zum letzten Atemzug. Sie ist den Weg zum Grab mitgegangen. Maria hat mit ihren Augen gesehen, wie man Jesu Leichnam ins Grab gelegt hat. Einen großen Stein davor gerollt hat. Nach zwei Tagen ist sie sehr früh auf, macht sich bei Sonnenaufgang erneut auf den Weg zum Grab. Sie will den Leichnam Jesu sehen und salben.
Sprecherin 1: Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.?Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.?Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.?Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
Musik 1: Harfe Instrumental
Autor 2: Warum tut sie das? Maria Magdalena ist sehr früh auf, vielleicht nach einer zweiten durchwachten Nacht mit vielen Tränen und den Bildern dieser Kreuzigung im Kopf, die sie nicht loslassen. Beim ersten Morgenlicht greift sie sich Salböl in einem kleinen Tongefäß und macht sich auf den Weg zum Grab. Trauer sucht die Begegnung, will das Unbegreifliche begreifen. Sie geht zum Grab, das Unfassbare zu fassen.
Doch die Stelle, wo der Leichnam gelegen hat, ist leer. Zwei Engel sind dort. Und als sie sich umsieht, steht dort eine Gestalt. Zuerst hält sie den Mann für den Gärtner. Es dauert, bis das Erkennen einsetzt. Als er ihren Namen ausspricht, setzt es ein. „Rabbuni“ antwortet sie: „Mein Rabbi.“
Ich finde, es ist eine Liebesgeschichte, die hier erzählt wird. Und zwar nicht im vordergründigen Sinn einer irgendwie tragischen Lovestory, die ein happy end sucht und findet. Die Verbundenheit dieser beiden ist besonders stark gewesen. So stark, dass Generationen versucht haben, ein genaueres Bild dieser Maria Magdalena zu gewinnen. Wer war sie?
Sie gehört zu den Frauen, die sich um Jesus sammeln. Gemeinsam mit den zwölf Jüngern entsteht damals eine Nähe, die eigene Kraft hat. Es wird erzählt, dass Jesus Maria Magdalena von bösen Dämonen befreit hat. Andere Zeugen berichten, dass sie zum Unterhalt der Jüngerschar beigetragen hat Sie ziehen gemeinsam Wege durch Palästina, und Maria Magdalena hört zu, wenn Jesus spricht. Erlebt, wenn er Menschen heilt. Freut sich, wenn er Kindern zuhört. Stark ist ihre Trauer nach seinem Tod. Nicht nur bei ihr. Auch bei den anderen Jüngern. Intensive Trauer folgt auf starke Liebe.
Wir haben kürzlich in unserer Gemeinde zu einem Gottesdienst die Paare eingeladen, die in diesem Jahr Silberhochzeit oder Goldene Hochzeit feiern. Und wir haben bei diesem Gottesdienst und beim Nachgespräch die Geschichten gehört, wie sie zueinander gefunden haben und wie sie Wege gesucht haben. Miteinander. Gern höre ich Paaren zu, die von ihren Begegnungen erzählen. Die Liebe produziert eine unerschöpfliche Vielfalt von Geschichten. Manchmal auch Gedichte, Liebesgedichte. Zum Beispiel dieses von Erich Fried.
Sprecherin 2:
Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Musik 2: Udo Lindenberg – Cello
Titel: Cello, Interpret: Udo Lindenberg; Album: Lindenberg! Mach Dein Ding (Original Soundtrack); Label: Warner Music Group Germany; LC: 14666
Autor 3: Was hat es auf sich mit dieser Kraft, die Menschen zueinander hinzieht, die Dingen und Zeiten ihre Bedeutung gibt. Die Widerstände überwindet, das Böse nicht zurechnet, an die Zukunft und das Gute glaubt und einem Instrument wie dem Cello eine unglaubliche Faszination verleiht. Oder dem Ort, an dem man sich das erste Mal begegnet ist. In den Erzählungen von langjährig verbundenen Paaren taucht er irgendwann auf, der Moment, in dem man sich kennengelernt hat und erstmals näher gekommen ist.
Auch ich selbst erinnere mich nach 26 Jahren an den Moment, an dem ich meine spätere Frau das erste Mal gesehen habe. Und die nun Rituale wie die an Ostern schon lange vorher im Blick hat und weiß, was unsere Kinder mögen und wer kein Marzipan isst. Mein Schulfreund Frank sagt: „Es ist einfach Glück, jemanden zu finden, der zu einem passt und mit dem man sich über Jahre verbindet.“ Ist es Fügung, dass sich in uns etwas füreinander entscheidet? Oder ist es auch intensive, tägliche Beziehungsarbeit, die innere Bereitschaft, sich immer neu auf diesen anderen Menschen einzulassen und einzustellen? Oft ist das anstrengend. Aber dann blickt man irgendwann auf Jahrzehnte zurück. Und versteckt nochmal gemeinsam Eier im Garten. Mit einem Lächeln.
Ich finde, der Ostermorgen ist eine gute Zeit, über Liebe nachzudenken. Über ihre Kraft. Und wie sie Menschen wie Maria Magdalena oder uns auf Wege führt, die wir ohne die Liebe niemals gehen würden. Und für Begegnungen öffnet, die wir nicht vorhersehen und nicht planen können. Nichts ist weniger zu erwarten für Maria Magdalena und die Schar der Jüngerinnen und Jünger als nach dem Tod Jesu ein leeres Grab. Und jahrhundertelang haben die biblischen Ostererzählungen Faszination und Fragen ausgelöst. Lässt sich das glauben, dass Jesus sein Grab verlassen hat? Dass es leer gewesen ist? Dass in ihm Leben und Liebe stärker gewesen sind als der Tod?
Im Moment, als Jesus Maria Magdalena anspricht, setzt das Erkennen ein, das Erstaunen. Sofort will sie ihn umarmen auf ihn zugehen, aber Jesus bittet: „Bitte, rühr mich nicht an!“ „Versuche nicht, mich zu halten, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen!“
Maria wird gestutzt haben über diese Anrede. Vielleicht etwas irritiert innegehalten haben. Liebe sucht die Berührung, will die Nähe. Will die Vertrautheit spüren, die in Jahren gewachsen ist. Aber Jesus weist die so vertraute Geste von Maria ab. Etwas anderes ist jetzt dran, es entsteht ein neuer Auftrag. Geh zu denen, die nun ihren Weg ohne mich weitergehen werden: „Geh aber zu meinen Brüdern…“
Vielleicht zeigt sich in diesem Ostergarten Gottes eigene Weise, das Leben der Menschen und die Welt zu lenken. Unerwartet und nicht planbar. Als Auftrag. Die Welt mit den Augen Gottes anzublicken, heißt, sie liebevoll anschauen. Und sich von ihm auf den Weg bringen lassen. Und spüren, dass man die Kraft hat für den Weg, zu dem es keine Alternative gibt. Der irgendwie klar ist.
Musik 3: Marius Müller-Westernhagen – Engel
Titel: Engel; Interpret: Marius Müller-Westernhagen; Album: Halleluja; Label: Warner Music Group Germany; LC: 14666
Autor 4: Kann aus erlebter Liebe ein Auftrag werden für andere? Ein Vermächtnis, das über eine Zweierbeziehung hinausgeht und Wirkungen entfaltet auch für andere? Als junge Frau ist Maria von Wedemeyer die Verlobte von Dietrich Bonhoeffer, dem Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen das Naziregime. Bonhoeffer wird im April 1943 inhaftiert. Nur wenige Monate haben Dietrich und Maria in Freiheit ihre Liebe erlebt. Die beiden schreiben sich Briefe.
Maria von Wedemeyer ist neunzehn Jahre alt, als sie kurz vor Ostern 1944 an Dietrich ins Gefängnis schreibt:
Sprecherin 3: Bundorf, 27. 3. 1944. Mein liebster Dietrich! ich hab von Dir geträumt, so intensiv und stark, daß ich nicht mehr weiterschlafen kann, sondern Dir sofort schreiben muß um wieder ruhig zu werden. – Man soll Träume nicht erzählen, weil man damit andere Menschen anlangweilt, darum will ich es auch nicht tun, nur ein wenig will ich Dir von dem sagen, was ich beim Aufwachen empfand. – Solch ein unmittelbares Nahesein von Dir – auch wenn es nur im Traum ist – birgt Alles in sich, übergroße Freude und tiefen Schmerz; und ich spüre ganz deutlich: so ist es und so wird es sein und so soll es sein. –
Ich möchte gleich zu Dir fahren können, heute noch. Aber ich kann nicht – es ist mir unerträglich, daß ich immer noch keine Sprecherlaubnis habe – und dann, was könnte ich mit Worten sagen? Ich habe es ja so oft versucht, Dir Dinge die mich bedrängten und quälten einfach zu erzählen, aber ich habe es nie gekonnt. Nicht, weil ich etwas vor Dir verbergen wollte, sondern weil es, wenn ich bei Dir war, wirklich nicht mehr da war, weil es dann plötzlich alles klar und gut war und weil ich immerzu nur denken konnte: Du, Du! – Ich glaube, das kann kein anderer Mensch begreifen, was es allein bedeutet, neben Dir sitzen zu dürfen, daß es nämlich was „Besonderes, Größeres und Wichtigeres“ gar nicht gibt, solange ich bei Dir bin.
Autor 5: Über acht Jahrzehnte liegt dieser Brief zurück. Maria hat Dietrich im Gefängnis besucht, wenn er eine Sprecherlaubnis erhielt. Aber in Freiheit haben sie sich nicht mehr gesehen. Bonhoeffer wird im April 1945 hingerichtet. Ihre Liebe bewegt. Weit über ihren Tod hinaus. Vielleicht stärker noch, wenn man sich in diese Zeit hineinfühlt: Ein unglaublich brutales Regime, das Europa und die Welt in einen unvorstellbaren Krieg hineinführt, unschuldige Menschen in Gefängnisse bringt und in Konzentrationslagern ermordet, Städte bombardiert und Dörfer abbrennen lässt und in Kauf nimmt, dass Deutschland selbst im Bombenhagel der englischen und amerikanischen Flugzeuge in Schutt und Asche sinkt.
Inmitten dieses Grauens liegen diese Briefe voller Zartheit und Innigkeit, voller leidenschaftlicher Liebe und Sehnsucht und Entschiedenheit. Maria verbringt Ostern 1944 ohne ihren Dietrich. Aus dieser Verlobung wird keine Ehe.
Acht Jahrzehnte sind vergangen. Und wieder ein neues Osterfest wird uns geschenkt. Ein Fest, an dem das Leben Auferstehung feiert. Gegen den Tod antritt. Ein Fest, an dem die Liebe Begegnung sucht und ein Vermächtnis findet. Einen Auftrag. Ein Fest, an dem Gott die Natur in einer Fülle prachtvoll werden lässt, dass uns Augen übergehen. Zeit, unsere Lebenswege als Wege der Liebe zu verstehen und der Welt genau in dieser Kraft der Liebe zu begegnen. Entschieden.
Aus dem Briefwechsel der beiden Verlobten Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer stammt auch das Gedicht, das immer noch bekannter wird. „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Ein neuer Tag ist heute. Es ist Ostern und ob Sie dieses Fest mit anderen lieben Menschen feiern oder vielleicht allein, nach einem schmerzhaften Verlust, nach einer Trennung, in Ängsten oder in Trauer. Die guten Mächte Gottes sind heute ganz besonders stark unterwegs. Auch zu Ihnen. Zu uns allen. Diesen guten Mächten soll unsere Welt und unser Leben gehören. Und der Macht der Liebe. Ganz.
Aus Neunkirchen grüßt Sie mit einem warmen Ostergruß für diese Tage
Ihr Pfarrer Uwe Rieske
Musik 4: Liebe ist alles (Remastered 2018); Interpreten: Rosenstolz; Album: Lass es Liebe sein - Die schönsten Lieder (Deluxe Edition); Label: Universal Music; LC: 97777
Quellen:
Ruth-Alice von Bismarck / Ulrich Kabitz: Brautbriefe Zelle 92, Dietrich Bonhoeffer Maria von Wedemeyer 1943 – 1945.
Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
